Schräge Dates: Der Witzbold (Teil 2)

Im letzten Blogartikel hatte ich euch von W., dem netten Gentleman, berichtet, der mich zum zweiten Date per Rad in seinem Kiez herumführte und dabei einen Sparwitz nach dem anderen riss…
Er schien weder mein Schweigen noch das gequälte Lächeln zu registrieren, denn er machte munter weiter. Dennoch, meine romantischen Anwandlungen ihm gegenüber waren noch lange nicht im Keim erstickt; wie ich kürzlich erwähnte, denke ich, dass viele Männer so ganz am Anfang im Innern unsicher sind und das durch alle möglichen Manöver überspielen, sprich, frau muss da einfach Geduld haben, bis der Mann sich sicherer fühlt und dann die Überspielungsmanöver sein lässt. So jedenfalls die Theorie.
Wir kamen in einen ruhigeren Teil seines Stadtteils und er zeigte mir eine idyllische Stelle an einem Kanal, wo wir anhielten, um kurze Rast am Ufer zu machen. Ich dachte: Schöne Gelegenheit, dass er mich in den Arm nehmen oder mich gar küssen könnte… und stellte mich ganz nah zu ihm. Er jedoch wies mit ausladender Geste auf den schicken Neubau am Gegenufer und sagte: „Soll ich dir das Haus da drüben kaufen? Oder wäre dir eine Villa am Wannsee lieber?“
Ich spielte mit und steigerte den Flirtfaktor: „Och, je nachdem, wo du lieber wohnen würdest… Such du aus, Schatz.“ Er griff es auf und trieb das Spiel so weit, bis es nur noch absurd und somit totgeritten war.

Wir verbrachten den Tag von Mittag bis zum frühen Abend miteinander, und was soll ich euch sagen: Die Witzeleien gingen die ganze Zeit weiter. Ich machte irgendwann eine vorsichtige Anmerkung, nämlich „also mir wär´s lieber, wir könnten uns ganz normal unterhalten, als ständig so im Spaß zu reden“ und schnitt ein normales Thema an, worauf er auch einging, aber leider nur für eine Viertelstunde, und schon huschte die Satire wieder aus seinem Munde.
Am Ende des Dates zeigte er mir noch seine Wohnung, und das war so eine nüchterne Angelegenheit (sowohl die Einrichtung als auch sein Verhalten), dass ich ziemlich ernüchtert nach Hause fuhr, nachdem er mir gesagt hatte, er müsse sich jetzt fertig machen für ein Event. Er hätte mich ohne weiteres auf das Event mitnehmen können, aber er tat es nicht, was ich als Zeichen ansah, dass er bei diesem Date wohl ebenso wie ich festgestellt hatte, dass das mit uns nicht optimal passte.
Da täuschte ich mich; anderntags erhielt ich von ihm eine reizende Dankes-Email für das „super Date“ und die Frage nach einem dritten Treffen. Ich hab ihn auch ein drittes Mal getroffen, in der Hoffnung, dass das zweite ein Ausrutscher war, aber eine halbe Minute nach der Begrüßung ging die Spaßvogel-Nummer wieder los. Ich versuchte immer wieder, gute Gesprächsthemen anzuschneiden, was jeweils nur für ein paar Sätze klappte – dann geriet er wieder ins Witzeln.
Nach einer Stunde war ich so ermüdet, dass ich es ihm auf den Kopf zusagte und diese Bekanntschaft zu einem höflichen Ende brachte.
Grinsebacke Ich denke, man kann das, was er hat, als psychische Störung bezeichnen, nämlich als „Witzelsucht“; Wikipedia definiert das zwar als „expansiv-joviales Verhalten, das mehrheitlich bei einer organischen Schädigung des Gehirns … auftritt“, sprich, es gibt Menschen, die bei bestimmten Formen von Demenz oder anderen Hirnerkrankungen Witzelsucht entwickeln, aber es gibt eben auch Menschen, bei denen das eine Art seelische Störung ist. Ich denke schon, dass man hier von seelischer Störung sprechen kann, weil der Drang (oder genauer gesagt Zwang), witzig zu sein, so stark ist, dass diejenigen es komplett aus der Wahrnehmung verlieren, wenn ihr Witzbold-Ding nichts Gutes mehr bewirkt, sondern nervt. Sprich, wenn der Zwang stärker ist als das Einfühlungsvermögen bzw. der gesunde Menschenverstand. Oft haben die Betroffenen wie W. einen Vater, dessen bevorzugte Kommunikationsform das Witzeln ist, also der versucht, mit anderen darüber in eine Verbindung zu treten, indem er der Lustige ist und sie zum Lachen bringt. Eigentlich kein schlechter Ansatz, aber wenn es komplett überhand nimmt und zum Zwang wird – oh je.
Übrigens verriet mir W. beim dritten Date auch, dass er eigentlich gar keine Lust hätte auf eine richtige Beziehung, das wäre nicht sein Ding und noch nie gewesen. Wie schade um ihn.
Liebe Frauen: Wenn ihr einen Mann mit solchen oder anderen ungünstigen Eigenschaften habt, dann schaut bitte mein Youtube-Video:

© Beatrice Poschenrieder