Schräge Dates: Ein ungeschliffener Diamant (Teil 2)

(Fortsetzung von Teil 1) Nachdem mein Date Ron und ich also nach langem Irrlauf durch diverse Spätis endlich auf dem Tempelhofer Feld saßen, machten wir uns über meine mittlerweile kalten Schawarma-Wraps her. Wer diese arabische Spezialität kennt, wird wissen, dass ein gutes Schawarma im Fladenbrot eine sehr saftige Angelegenheit ist. Mit beiden Händen umfasst man das dicke Paket und lässt sie da am besten auch bis zum Ende des Essvorganges, weil die dünne Serviette, die beiliegt, in der Regel einfach nicht ausreicht, um mehrfach die Soße von den Fingern zu wischen. Ron allerdings ließ die Serviette eh links liegen, sondern leckte sich nach jedem einzelnen Bissen alle zehn Finger ab. Nein, er leckte nicht, er lutschte. Wrap in die linke Hand, dann die Finger der rechten Hand nacheinander bis übers erste Gelenk in den Mund gesteckt und abgelutscht; dann Handwechsel, um die Soße restlos von den anderen fünf Fingern zu kriegen, dann wieder beide Hände an den Wrap, abbeißen, eine Hand zum Mund usw.. Und dies in einer Geschwindigkeit, dass klar wurde: Da ist Routine drin.

Auch am Ende verwendete er die Serviette nicht: er schlabberte einfach beiderseits die halbe Hand ab.
Also mal ehrlich: ein bisschen eklig ist das schon. Der Gedanke, ihm irgendwie näher zu kommen (was ja eigentlich Sinn und Zweck eines Dates ist), hatte sich fürs Erste erledigt. Allerdings brachte ich es auch nicht fertig, wegen Lappalien wie „Getränke vergessen“ und „Extreme-Finger-Licking“ das Treffen zu beenden, sondern bejahte seinen Vorschlag, auf der anderen Seite des Feldes in Neukölln eine nette Kneipe zu suchen und endlich den Wein zu trinken, den wir noch nicht bekommen hatten.
Unterwegs fiel mir auf, dass es längst dunkel war und er die Sonnenbrille immer noch trug. Erst als ich sagte, ich würde jetzt doch gern mal seine Augen sehen, nahm er sie ab. Er hatte recht schöne Augen, wodurch ich meine heimlichen Fluchtgedanken verwarf.
Wir tranken also in einer Kneipe Wein, ich ein Glas, er zwei, was ihn offenbar wagemutig machte, denn kaum traten wir den Weg zur U-Bahn an, sprang er hurtig vor mich, fasste mich an den Armen und wollte mich küssen – und zwar so richtig, Mund zu Mund mit halbgeöffneten Lippen. Ich wich aus und lächelte: „Ich gehöre zur langsameren Sorte, ich möchte nicht beim 1. Date küssen!“
Mister GreedyDas ist gelogen, denn ich hatte durchaus schon erste Dates mit Küssereien, aber dann hatte sich das zwischen dem Mann und mir aufgebaut, durch ein gegenseitiges Auffangen und Beantworten von Flirtsignalen und kleinen Berührungen. Derlei hatte es zwischen Ron und mir nicht annähernd gegeben, um so eine Frontalattacke zu rechtfertigen.
Ich sagte ja schon im 1. Teil dieser Story: Es ist eine blöde Idee, für das allererste Treffen etwas zu planen, was superromantisch ist. Denn was, wenn dein Date das missinterpretiert, bei dir hingegen null romantische Gefühle aufkommen?
Da es nun keinen Kuss gab, wollte Ron wenigstens Hand in Hand mit mir zum U-Bahnhof gehen, und ich ließ sie ihm, weil ich ihm nicht schon wieder eins vor den Bug geben sollte (jaja, ich weiß, ich bin manchmal ein gutmütiges Schaf), obwohl es mich ein wenig schauderte, wenn ich an all die getrocknete Spucke an seinen Fingern dachte. Auf dem Bahnsteig würden sich unsere Wege eh trennen. Allerdings dort angekommen, setzte er zu einem letzten verzweifelten Vorstoß an: Noch ein Kussversuch. Höflich lächelnd wies ich ihn auf meine vorige Aussage hin. Zeitgleich fuhr meine Bahn ein. Da sagte er: „Übrigens, was ich die ganze Zeit schon machen wollte…“ und riss an meinem Dutt. Oh Man. Statt zu fragen, „kannst du vielleicht deinen Knoten lösen, ich würde gern dein offenes Haar sehen“, zerrte er grob an meiner Duttklammer (das ist so ein großes Ding, was von außen den Dutt umfasst) und riss mir dabei etliche Haare aus. So ein Volldepp.
Wie schon bei dem anderen aufdringlichen Küsser, rettete mich auch diesmal die gute Berliner U-Bahn.

Fazit: Wenn du glaubst, du hast einen ungeschliffenen Diamanten vor dir, stellt sich oft heraus, dass es gar keinen Diamanten gibt, sondern nur Ungeschliffenes.
© Beatrice Poschenrieder