Das Tinder-Phänomen: Erfahrungen mit Überangebot und „Wisch und weg“

Keine Infos im Profil, kein echter Austausch mit dir, sondern schnell treffen mit möglichst wenig Aufwand: So agieren viele Tinder-Mitglieder

Kann man über die Online Dating App Tinder einen tollen Mann kennen lernen?

Ich hatte ja im letzten Test-Beitrag die Frage aufgeworfen, ob manche Tinder-Bekanntschaften in der Dating-Phase, obwohl es gut lief, plötzlich abspringen wegen etwas, was ich „Tinder-Phänomen“ nenne. Im Grunde besteht es aus zwei Komponenten (zu der zweiten äußere ich mich weiter unten):
Erstens. Eine Sache, die einem auch auf anderen großen kostenlosen Singlebörsen passieren kann (z.B. Finya): Als neues Mitglied wirst du in den ersten paar Tagen ziemlich vielen Mitgliedern „angeboten“, und du selber schaust dich natürlich auch stärker um, als du das später tust. Folge ist, dass du viele Likes vergibst und bekommst, sodass auf Anhieb eine Menge Matches entstehen. Bei Tinder entstehen besonders viele! und zwar aus dem Grund, den ich in meinem zweiten Beitrag über diese Kontaktbörse beschreibe – auch Matches mit Leuten, die man auf einer anderen Börse erst mal unter „Ferner liefen“ abspeichern würde; es entsteht also eine Flut von Kontakten und Kontaktangeboten. Und da das Tinder-Profil so schrecklich wenig Möglichkeiten der Selbstbeschreibung hergibt, muss man sogar bei den Ferner-Liefen-Mitgliedern gleich in persönlichen Kontakt treten, um zu erfahren, ob er oder sie überhaupt irgendwie passt. Aber wie soll man allen gerecht werden? Mit 15 oder 20 Leuten gleichzeitig kommunizieren oder gar treffen, klappt weder zeitlich noch logistisch (schon gar nicht bei Corona-Beschränkungen), und keiner will ja wochenlang warten, bis du erst mal ne Reihe von Kandidaten/innen abgewickelt hast. Also versucht man, den einzelnen / die einzelne so schnell wie möglich abzuchecken – schriftlich, mündlich oder persönlich.

Zur Illustration folgendes Beispiel:
Ich hatte F., 53, ein Like gegeben, obwohl er nur ein Foto drin hatte, Wohnort Berlin, ein paar Hobby-Buttons (Hobbys, die mir gefallen) und folgenden Text:
«Wir schauen mind. 2-mal am Tag aufs Smartphone, nämlich morgens und abends. Wer nicht tagesaktuell antworten kann, hat auch kein ernsthaftes Interesse.»
Eigentlich schon abschreckend genug, wenn man sich den Satz mal genauer anschaut. Was bildet der sich ein? Wie zum Teufel soll denn „ernsthaftes Interesse“ aufkommen bei einem dermaßen nichtssagenden Profil? Aber ich hatte mein Like schon gegeben: sein Foto zeigte einen recht attraktiven, gepflegten Mann mit sympathischem Lachen.

Nachdem wir ein Match hatten, schrieb er mir:
„Guten Morgen, lass uns doch in der Woche nach arbeit mal treffen. VG F.“

Ich hatte dazu eigentlich gar keine Lust – was dachte der denn?? Dass ich im winterlichen Corona-Lockdown am Abend irgendwohin fahre und in der Kälte ein Date mit ihm absolviere? (Corona ist für Singles richtig mistig.) Recherchehalber hakte ich aber nach:
«Hi F., danke für deine Nachricht und den innovativen Vorschlag… Wie lange arbeitest du denn immer so und in welchem Stadtteil? VG von Martha»

Er: «…-Platz, zw 17:30 u 18 Uhr.»

Ich: «Wie stellst du dir das vor, ein Treffen um 18 Uhr herum? Da ist es ja derzeit dunkel und eiskalt.»
(Der Austausch war vor 12 Tagen, als es tatsächlich noch eiskalt war.)

Er: «Ok. Wie wärs mit Sa nachm zw 2 u 3? Es soll aber regnen»

Ich: «Da zur Zeit nur Spazierengehen möglich ist, auch mit Freunden, und nur einzeln, kriege ich allmählich ein echtes Zeitproblem, weil die meisten ja nur am Wochenende können. Ich hab nicht grade wenig Freunde, die mir auch ganz schön wichtig sind; und ich hab derzeit viel Arbeit. Das heißt, ich bin nicht übermäßig motiviert, meinen Sa-nachmittag für ein Treffen herzugeben mit einem Mann, der hier nur ein einziges Foto und praktisch keine Infos über sich preisgibt. Wäre super, wenn du dein Profil ein bisschen auffüllst oder mir ein paar Mini-Infos über dich rüberwirfst, zB ob du eher für ne körperliche Verbindung hier bist, ob du Kinder im Schulalter hast, nen Hund oder mehrere, rauchst, noch mit einer (Ex)Partnerin zusammenwohnst, gar nicht in Berlin wohnst, sondern außerhalb… Denn all das ist bei sehr vielen Männer hier mit leeren Profilen der Fall.»

Er: «Nee Martha, Du glaubst, mit minimalem Aufwand den optimalen Output unter Zeit- und techn. Algorithmus zu realisieren bei den vielen Vollpfosten, die dich hier zuschütten. Ich habe sehr viel zu bieten. Aber so läuft das nicht im Leben, wirst du auch noch verstehen.
Die Faszination für den anderen entsteht in der Sekunde der Begegnung!
Wenn du in der Cocktail Bar sitzt, fragst du dann auch nach hund?»

Puh, ganz schön von oben herab! Das Ganze, was er schreibt bezüglich: Mit minimalem Aufwand den optimalen Output zu wollen, genau das trifft ja auf ihn zu. Er hackt immer nur schnell was in die Tasten – ja nicht zu viel Zeit hergeben für die einzelne Frau!

Ich: «Männer, die Kinder im Schulalter oder nen pflegeaufwändigen Hund haben oder noch mit einer (Ex)Partnerin zusammenleben (oder auch gar nicht in Berlin wohnen), trifft man eher nicht in einer Cocktailbar im zentralen Berlin. Und ob einer raucht, seh ich auch in ner Bar. Zudem geh ich ja nicht extra wegen diesem einen Unbekannten alleine aus, statt mich mit Freunden zu treffen; sondern ich bin in erster Linie in der Bar, weil ich da mit ner Freundin was trinken gehe.
Mich hübsch zu machen, die Öffis zu unserem Treffpunkt zu nutzen, mit dir ne Stunde oder so zu verbringen und wieder heimzufahren, kostet mich mindestens 3 Stunden. Dich kostet es wenige Minuten, mir jetzt auf diese indirekten Fragen schnell ne Antwort zu tippen. Also…»

Er: «feste Bez, keine ki, kein hund, NR, mit ex ist aus, war 2 WE model.»

Ich probierte dann mal aus, wie lange ich brauchen würde, um so eine schlampige Antwort zu tippen: 25 Sekunden. Mehr war ihm der Kontakt zu mir nicht wert (obwohl ich im Gegensatz zu ihm ein aussagekräftiges Profil habe: 6 Bilder von mir und textlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft).
Zum ersten Mal nutzte ich diese Möglichkeit des radikalen Kontaktabbruchs: „Match auflösen“.

Ich habe eine Freundin gefragt, die mit Tinder schon eine Menge Erfahrungen gesammelt hat, was sie davon hält. Sie sah sich den Austausch mit F. an und sagte:
«Wenn ich das alles zusammennehme – dieses leere Profil, wo er nichts über sich verrät, und dass er weder mit dir schreiben noch telefonieren will, sondern dich schon in seiner allerersten Kontaktmail zu nem Treffen bestellen will: Dem geht es kein bisschen um dich als Person, sondern um ‚fickbar‘ oder ’nicht fickbar‘. So wenig Aufwand wie möglich: Gleich nach der Arbeit abends in der Kälte treffen, weil er eh nicht vor hat, sich da lange mit dir aufzuhalten. Um festzustellen, ob Optik und Chemie so weit passen, dass man mit jemand Sex haben könnte, braucht man nur ein paar Sekunden. Ich hatte Dates, wo die Typen mich nach nicht mal einer Minute geküsst haben oder es versucht haben, denn wenn die Frau sich küssen lässt, lässt sie sich meistens auch flachlegen: Schnell live begutachten, dann bei gegenseitigem „Go!“ zu einem der beiden nach Hause und ab in die Kiste.
Früher war ich noch so doof und dachte, dass ja auch über diese Schiene ‚mehr‘ entstehen kann. Pah, das kannst du sowas von vergessen. Insofern kannst du solche Typen wie diesen F. auch vergessen, und zwar schon vor dem Date. Es sei denn, du willst genau so was: Fix treffen, Sex haben, und tschüss!»

Das ist also Komponente zwei des Tinder-Phänomens: Bereits der Aufbau dieser Kontaktbörse fördert so eine bestimmte Mentalität, nämlich „Wisch und weg“ und leider teilweise auch „Fick und weg“. Es ist so einfach, geht schnell und unkompliziert, kostenlos ist es auch noch (das Portal und der Kontakt) – logisch, dass das viele nutzen.
Wobei ich betonen möchte, dass das keineswegs auf alle Männer (oder Frauen) bei Tinder zutrifft. Wie im ersten Teil dieses Praxistests erwähnt, haben ein Sportkumpel von mir wie auch sein bester Freund jeweils ihre festen Partnerinnen dort gefunden. Und ich habe auch ein paar echt nette Männer kennen gelernt.

© Beatrice Poschenrieder

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