Eine Verheiratete auf der Singlebörse nahm mir den Liebsten weg

Frage: «Liebe Beatrice,
ich habe deine Beiträge „Ist heimliches Fremdgehen besser und einfühlsamer als Trennung?“ und „Offene Beziehung, Polyamorie“ gelesen und gleich wieder einen kleinen Hass bekommen. Ich bin nämlich sozusagen ein Opfer dieses Trends geworden, dass gebundene Leute in Singlebörsen nach Partnern fürs Fremdgehen suchen. Allerdings bin ich nicht die betrogene Ehefrau, sondern die, der eine verheiratete Fremdgängerin den Freund weggenommen hat. Das ist jetzt fast 6 Monate her, und obwohl er und ich nur ca. 7 Monate zusammen waren, bin ich immer noch nicht drüber weg, weil ich tiefe Gefühle zu ihm entwickelt hatte. Der Liebeskummer ist zwar überwunden, aber die Kränkung ist noch da… nicht mehr so schlimm wie in den ersten Wochen, aber eben auch nicht weg. Außerdem habe ich so ein quälendes Gefühl von Hoffnungslosigkeit.
Mit ihm und mir fing es sehr schön an, wir sahen uns sehr viel, verbrachten Feiertage und unsere Geburtstage zusammen, er stellte mich seinen Freunden als seine neue Freundin vor, sogar seine Mutter wusste von mir. Irgendwann bekam er Zweifel, ob er schon bereit sei für eine richtige und lange Beziehung, setzte jedoch das mit mir einfach fort – also mich viel zu sehen, mir ganz viel anzuvertrauen, mit mir seinen Alltag zu teilen usw.. Aber er meldete sich wieder bei einer Singlebörse an, „nur für Freundschaften“, wie er mir sagte. Und dort schrieb ihn schließlich eine Verheiratete an (das war, als er und ich ein halbes Jahr zusammen waren) und verdrehte ihm den Kopf. Er datete sie und gestand es mir, als wir nach einem wunderschönen romantischen Abend zusammen im Bett lagen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem 8jährigen Kind zusammen. Am Feuer in seinen Augen sah ich, dass er total in sie verknallt war. Ich habe einen Tag später mit ihm Schluss gemacht.
Was mich daran so kränkt, ist weniger, dass er mit einer anderen angebändelt und ein Verhältnis angefangen hat; sondern für WAS FÜR EINE er starke Gefühle entwickelt hat, statt für mich, die immer hinter ihm stand und mit der er auch, wie er mehrmals sagte, „den besten Sex seines Lebens hatte“. Er war nämlich so doof, mir ihren Vornamen, ihr Alter und ihren Wohnort zu verraten; ich habe sie wiederum einen Tag später in dieser Singlebörse sofort gefunden. Und was ich da gefunden habe…! In ihrem Profil gab sie an, dass sie „nichtmonogame“ Verhältnisse mit Männern zwischen 30 und 50 suche (sie ist 48), es gab viele Fotos, aber kein einziges mit ihrem Gesicht, nicht mal von der Seite, sondern nur lauter Körperteile von ihr, zum Teil nackt. Und das, was sie reingeschrieben hatte, war so platt und doof, dass mir heute noch übel wird, wenn ich dran denke. Da war nur die Rede davon, was sie alles besitzt, und dass sie Spaß Spaß Spaß will.
Sie schrieb mich an, sobald ich auf ihrem Profil war: „Wer bist du und was machst du auf meinem Profil??“ Ich antwortete, dass ich seit gestern die Ex von XX sei. Statt mir zu antworten, schrieb sie offensichtlich gleich eine Whatsapp an ihn, denn ich sah, dass er bei Whatsapp online ging – und das mitten in einer für ihn sehr wichtigen Veranstaltung! Er blieb dann auch zwei Stunden online, daran sah ich, wie große Wichtigkeit sie bereits für ihn hatte. Das war so demütigend.
Sie und ich schrieben in den nächsten Tagen einige Male hin und her, ich tat freundlich zu ihr, weil ich ja neugierig war, was da kommen würde. Auch alles, was sie mir schrieb, war platt, oberflächlich und nicht grade intelligent.
Mein Ex hatte mir immer gesagt, er stehe auf starke Frauen mit Geist, Tiefe und Stil (damit meinte er auch mich), und ich dachte, falls er mich eines Tages verlässt, dann für eine ganz tolle Singlefrau, mit der er eine tiefe Liebesbeziehung eingehen kann. Stattdessen ist er jetzt Feuer und Flamme für eine Fremdgängerin, die sich von ihrem Mann versorgen lässt und die er immer nur stundenweise treffen kann (auch heute noch!), die so ein billiges Profil hat und so hohles Zeug von sich gibt. Er meint aber, das könnte seine „große Liebe“ werden (das sagte er mir, als wir uns vor 2 Monaten trafen, um unsere Sachen auszutauschen, die wir noch in der Wohnung gehabt hatten). Das gibt mir das Gefühl, dass er das, was wir hatten und was ich ihm gab, gar nicht zu schätzen wusste.
Kränkend war für mich auch, mitzukriegen, wie stark er von ihr besetzt war. In den letzten Tagen unserer Bindung und kurz danach war er von frühmorgens bis spätnachts bei Whatsapp online, und das macht er nur, wenn er frisch verliebt ist, das war bei uns am Anfang auch so; ansonsten whatsappt er extrem wenig, ich hatte zuletzt von ihm keine einzige nette Whatsapp mehr gekriegt, höchstens mal sowas wie „verspäte mich um ne Viertelstunde“. Und nun zu sehen, wie er dauernd wegen ihr online war, und zu wissen, dass er nun mit ihr das Intimste teilte statt mit mir und sie so ansah, wie er mich früher angesehen hatte, das tat so weh! (Ich hab dann aufgehört zu „spionieren“, um mich selbst nicht so fertig zu machen.)
Sie hat zwei Männer, ich hab gar keinen mehr!
Ich hatte selten im Leben so einen Schmerz und so einen Liebeskummer! Und die Kränkung… ich weiß nicht, ob ich je so eine Kränkung erlitten habe. Ich habe geweint und geweint, und ich hatte monatelang das Gefühl, man hätte mir die Haut abgezogen und sie heilt nur ganz schlecht nach. Auch jetzt ist sie noch immer nicht heil. Eben auch wegen dieses quälenden Gefühls von Hoffnungslosigkeit: dass, egal wie viel ich einem Mann gebe und wie tiefe Gefühle ich für ihn entwickle, er plötzlich weg sein kann wegen irgendeiner Frau. Welchen Sinn macht es da noch, dass ich mein Herz für einen Mann öffne und ihm ganz viel gebe?
Ich möchte gerne, dass du meinen Brief veröffentlichst, damit diese verheirateten Fremdgänger/innen, die sich an andere Gebundene heranmachen, eventuell mal mitkriegen, was sie damit anrichten.»


Antwort:
Das tut mir sehr leid zu lesen, wie weh dir getan wurde.
Du schreibst: „Was mich daran so kränkt, ist weniger, dass er mit einer anderen angebändelt und ein Verhältnis angefangen hat; sondern für WAS FÜR EINE er starke Gefühle entwickelt hat, statt für mich…“ und dass er immer gesagt hatte, „er stehe auf starke Frauen mit Geist, Tiefe und Stil (damit meinte er auch mich), und ich dachte, falls er mich eines Tages verlässt, dann für eine ganz tolle Singlefrau, mit der er eine tiefe Liebesbeziehung eingehen kann“
Tja, und stattdessen lässt er sich auf eine Fremdgängerin ein, die dir nicht das Wasser reichen kann, sondern offenbar wenig Stärke, Geist, Tiefe und Stil hat, sehr oberflächlich und materiell eingestellt ist (wenn sie z.B. Stärke, Tiefe und Stil hätte, würde sie klare Verhältnisse mit ihrem Mann schaffen, statt sich von ihm versorgen zu lassen und ihn hintenrum so zu verarschen).
Das versteh ich, dass dich das kränkt, denn es zeigt ja tatsächlich, dass dein Ex deine guten Gaben gar nicht zu schätzen wusste – und du fragst dich jetzt, warum er überhaupt mit dir zusammen war und ob er dich nur benutzt hat und du dementsprechend „wenig wert“ bist. Nun, das ist in die falsche Richtung gedacht. Andere Männer wissen deine Stärke, deinen Geist, deine Tiefe, deinen Stil, sehr wohl zu schätzen, aber DEIN EX eben nicht! Sein Liebesmuster ist ein ganz anderes! Besser gesagt: Vielleicht bewundert er diese Eigenschaften sogar an dir, aber seine Verliebtheit entzündet sich an etwas ganz anderem, nämlich dass die Frau schwach und abhängig ist, zu ihm aufschaut und wenig erwartet (naturgemäß erwartet eine Gebundene wenig von ihrem Liebhaber außer eine nette Zeit); vielleicht braucht er das Gefühl, der Überlegene zu sein und die Kontrolle zu haben – jedoch richtig abhängig darf sie nicht von ihm sein, deswegen ist der eingebaute Abstand gut. Und ob diejenige zum Beispiel sehr intelligent ist und ihre Frau im Leben steht, ist gar nicht so sein Ding, weil er letztlich gar nicht verträgt, wenn seine Partnerin auf Augenhöhe oder sogar ein bisschen drüber ist!
Kurzum: Mach deinen Wert und dein Gefühlsleben bloß nicht daran fest, dass er dir nicht die Liebe entgegenbringen konnte, die du verdienst, sondern sie einer anderen gibt. Vielleicht ist er auch gar nicht bereit oder fähig zu einer tiefen, richtigen Paarbeziehung (sonst würde er nicht diese unaufrichtige Gebundene zu seiner „großen Liebe“ erklären). Hab Mitleid mit ihm und heul ihm keine Träne mehr nach, sondern schau auf die Menschen, die dich zu schätzen wissen. Und schließe bitte bitte nicht von diesem einen Kerl auf alle!
© Beatrice Poschenrieder  

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