Offene Beziehung, Polyamorie: Ist Monogamie einfach überholt?

Ist dir auch schon aufgefallen, dass es immer mehr Männer und vielleicht auch Frauen gibt, die in Singlebörsen als Beziehungsstatus „offene Beziehung“ oder auch „Polyamorie“ angeben und dies auch anstreben? Ist das ein Zeichen von wachsendem Bewusstsein und Offenheit – oder ein Zeichen der zunehmenden Bindungsscheu bzw Unfähigkeit, sich auf einen einzelnen Menschen wirklich einzulassen?
Wobei „offene Beziehung“ und „Polyamorie“ nicht ganz das Gleiche ist. Bei der „offenen Beziehung“ ist es in der Regel so, dass das Paar sich darauf geeinigt hat, dass zwar nur sie beide eine feste Beziehung haben, jeder von beiden aber mit anderen Sex haben darf. „Polyamorie“ bedeutet, dass alle Beteiligten sich einig sind, dass man mehrere Menschen lieben kann und will, auch körperlich, und dass man auch mit mehreren Partnern eine Liebesbeziehung führen kann.
Obschon ich diese Modelle interessant finde (nicht für mich persönlich, aber theoretisch), denke ich, dass es in der Praxis meistens nicht funktioniert, schon u.a. aus logistischen Gründen, aber noch stärker, weil kaum jemand so viel Reife und so viel Kapazitäten hat. Ich bin privat und beruflich schon vielen Menschen begegnet, die solche Modelle begrüßen und gerne leben wollen oder es bereits versucht haben, doch es war kein einziger dabei, wo es wirklich geglückt ist.
Genaugenommen, sind mir bisher überwiegend Männer begegnet, die das Modell leben wollen, und Frauen, die sich drauf einlassen und dann leiden – oder von gar nichts wissen, aber merken, dass ihr Liebster „woanders“ ist, und leiden.
Grade unlängst hatte ich Kontakt (aber kein Treffen) mit zwei verschiedenen Anhängern. Der eine (50) schrieb mich bei Finya an. Dort gibt es den Beziehungsstatus „offene Beziehung“ nicht, er hatte „Gespannt auf Neues“ angeklickt. Bei unserem Telefonat stellte sich schnell heraus, dass er eine feste Freundin hatte – erst seit 3 Monaten! – und sich noch ein paar Frauen „für nebenbei“ zulegen wollte, da Männer eh nicht treu sein könnten und die Monogamie doch total überholt sei. Er hatte das auch seiner Freundin verklickert und mit ihr vereinbart, dass Fremdvögeln und Parallelbeziehungen erlaubt waren. „Und, wie gehst du damit um, wenn sie mit einem anderen intim wird, sich vielleicht sogar verliebt?“ fragte ich.
Er gab zu, dass sie das gar nicht in Anspruch nehmen wollte, sondern ihm zähneknirschend zugestand, um ihn nicht zu verlieren.
Armes Mädel, dachte ich, wer weiß, wie lange sie das aushält?
Ich fragte den Typen, warum er sich überhaupt eine feste Beziehung zulegte, wenn er so gern mit vielen Frauen rummachte. „Die feste Beziehung brauch ich, damit ich mich nicht vor dem Altern fürchte“, sagte er, „ich will nicht allein sein, wenn ich alt bin, außerdem, wer weiß, ob ich nicht mal pflegebedürftig werde. Aber auf den Spaß mit vielen verschiedenen Frauen will ich nun mal nicht verzichten.“
So viel zum Thema Liebe.

Kurz danach kontaktierte mich auf einer anderen Singleplattform „Tantra-Lover“ (er hat sich abgemeldet, daher kann ich seinen Nick nennen). Er ist 60, hat 5 Kinder, möchte gern noch mehr; beim Beziehungsstatus hatte er „offene Beziehung“ angeklickt (später fand ich heraus, seine Freundin weiß genauso wenig davon wie der Ehemann dieser Sexjägerin, die ich im Beitrag “OkCupid: mein böses Praxistest-Fazit” erwähnte).
Ich quetschte ihn ein bisschen aus: „Versuchst du das Modell der offenen Partnerschaft (vielleicht auch Polyamorie) erst seit ganz kurzem oder schon länger?“

Er: „Ich war noch nie der monogame Typ, obwohl ich sehr lange Beziehungen hatte. Nebenher war ich manchmal auch verliebt, mit der Mutter meiner Kinder war es eher problematisch…
Das mag ich sehr: vollkommen offen zu sein für alles, was passiert, und das mit jemandem in Liebe teilen.“
(„In Liebe teilen“, dachte ich, welch nette Umschreibung…)

Ich: „Seit wann bist du denn mit der jetzigen Partnerin zusammen? Und wie geht sie mit der offenen Partnerschaft um?“

Er: „Mit X bin ich seit knapp einem Jahr zusammen, und wie sich gerade in letzter Zeit herausstellt, hat sie einiges ziemlich überfordert am Anfang – momentan sind wir sehr viel im Gespräch und am Neustrukturieren.“
(Jessas, denke ich, nicht mal ein Jahr zusammen, und schon ist er als „Tantra-Lover“ auf einem Kontaktportal und sucht dort Parallelbeziehungen und Sexgeschichten.)
„Ich würde mich gerne mal mit dir treffen!“

Ich: „Ich hab dir all die Fragen gestellt, weil ich neugierig war, warum oder inwiefern ein Mann deines Alters nicht einfach glücklich ist, dass er eine gute Partnerschaft hat, sondern nebenher auf einer Kontaktbörse noch nach ‚nicht-monogamen Beziehungen‘ und ‚Casual Sex‘ suchen muss, und das in einer sehr weiten Altersrange von Frauen (35 – 65 Jahre), das klingt für mich ziemlich beliebig und auch irgendwie… unersättlich. Ehrlich gesagt, wenn ich deine Partnerin wäre und würde sehen, dass mein Liebster mit so einem Profil in einer Kontaktbörse unterwegs ist, würde ich sofort Schluss machen.
Ich möchte eine echte Liebesbeziehung und ich versteh nicht, warum heute so viele Männer nebenher noch Parallelbeziehungen und Sexgeschichten suchen – denn die allermeisten von denen kriegen ja nicht mal EINE gute Liebesbeziehung mit einer einzelnen Frau hin! Das hinzukriegen, wäre das nicht überhaupt erst die Grundvoraussetzung, um gleich mehrere hinzukriegen? Sich wirklich einzulassen, mit jemand zusammen durchs Leben zu gehen, aus der Bindung das Bestmögliche zu machen und bei Konflikten und Unstimmigkeiten nicht gleich auf externe Personen auszuweichen?“

Dazu schrieb er nur: „Lass und doch einfach kennen lernen.
Auf Sex kann ich durchaus verzichten – und mein Herz ist immer involviert!“
(Ich denke: noch schlimmer für seine Partnerin!)

Ich: „Nein danke. Ich halte mich für eine tolle, interessante, vielschichtige Frau und wäre mir zu schade, um Nebenfrau oder Affäre zu sein und nur die Zeitfensterchen und Brosamen zu kriegen, die ein Mann mir neben seiner Hauptbeziehung oder neben seinen anderen Frauen noch so hinwirft.
Nichtsdestotrotz wünsche ich dir alles Gute und mögest du deinen Weg finden.“

Ich kann die Frage, ob der Trend zur Polyamorie ein Zeichen von wachsendem Bewusstsein und Offenheit oder ein Zeichen der zunehmenden Bindungsscheu ist, nicht eindeutig beantworten – aber ich nehme hier gern die Kommentare meiner Leser/innen entgegen!
Einen sehr ausführlichen Kommentar findest du in Teil 2 dieses Beitrags!

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© Beatrice Poschenrieder

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