Was macht einen Alltagsneurotiker aus?

Natürlich sind nicht alle Alltagsneurotiker so wie M., den ich euch im letzten Beitrag vorstellte. Und auch ein einzelnes der Merkmale, die ich dort beschrieb, macht noch keinen Neurotiker. Sondern eher, dass er ein anhaltendes Muster an merkwürdigen oder ärgerlichen Verhaltensweisen und Einstellungen zeigt, meist verbunden mit einem Mangel an Flexibilität. Um´s mal noch genauer einzugrenzen, hier meine Definition (es ist meine, nicht die gängige Psychologen-Definition):
Ein Neurotiker ist ein Mensch, der zulässt, dass irrationale / übertriebene Ängste und innere Konflikte seine Einstellung, seine Gefühle, Wahrnehmungen, Gedanken und sein Verhalten dermaßen beeinflussen, dass wichtige Lebensbereiche nachhaltig eingeschränkt oder gar kaputtgemacht werden. Der Neurotiker braucht seine speziellen Einstellungen, Wahrnehmungen, Gedanken und Verhaltensweisen, um seine Ängste und inneren Konflikte einigermaßen in Schach zu halten, weil sie ihn sonst in bestimmten Situationen übermannen könnten.

Anders gesagt: Ein Neurotiker wird von tief verankerten Ängsten und Konflikten in seinem Innern beherrscht, die meisten davon unbewusst; um dessen möglichst wenig bewusst zu werden (ist ja nicht schön, wenn man das vor sich selbst zugeben müsste) und es auch vor den anderen zu verbergen, hat seine Psyche im Laufe der Zeit spezielle Denk- und Verhaltensweisen entwickelt, die es ihm ermöglichen, die Ängste irgendwo abzuwehren; und/oder er steckt aufgrund persönlicher Defizite immer wieder in einem Konflikt zwischen Wollen und Angst vor den Folgen des Wollens fest und hat Scheinlösungen entwickelt, um dem Konflikt beizukommen*.
Um sich diesen unrühmlichen Zusammenhängen nicht stellen zu müssen, hat der Neurotiker in der Regel einige Psychomethoden in petto, wie Rationalisierung, Projektion, Beschönigen, Leugnen, Verharmlosen, aggressives Abwehren, Psychosomatik…**
Der Preis für diese Hintenrum-Angstbewältigung ist, wie oben erwähnt, die Einschränkung oder Zerstörung wichtiger Lebensbereiche: Beziehungen, Berufliches, Zufriedenheit, Gesundheit, Selbstentfaltung, persönliche Entwicklung, Erlebniswelt, Lebensgenuss…
Insofern ist ein Mensch mit Bindungs- und Näheproblemen, der durch seine abstandserzeugenden (Re-)Aktionen immer wieder seine Beziehungen sabotiert, ebenso neurotisch wie ein Sport- oder Hobbyfanatiker, der durch seinen Fanatismus zu wenig Zeit und Energie für seine Kinder, Partner/innen und/oder Freunde hat, ebenso neurotisch wie ein Mensch, der stur an speziellen Gewohnheiten festhält und sich dadurch so manches verbaut, etc.
Der neulich beschriebene M. grenzt unheimlich vieles, was Menschen in seinem Alter eigentlich Freude bereitet, aus seinen Möglichkeiten aus – ich nehme an, aus Angst vor dem Unbekannten, Unkontrollierbaren, und aus einem gewissen Misstrauen heraus, dass die Welt und die Menschen grundsätzlich schlecht seien und ihm da draußen ganz viel Übles passieren könnte. Ferner hat er Angst, jemandes Erwartungen nicht gerecht zu werden.

*(Beispiel: Eine Ehefrau mag mit ihrem Mann keine Intimität mehr teilen, würde ihn am liebsten anschreien, dass seine Art von Sex sie abtörnt; aber da sie Angst vor den vermeintlichen Folgen hat, sagt sie nichts, sondern entwickelt einen Ordnungs- und Sauberkeitszwang; sie putzt, wienert, ordnet und wäscht den ganzen Tag; somit kann sie sich den Mann tagsüber vom Leibe halten und hat abends einen „guten Grund“, todmüde ins Bett zu sinken, viel zu müde für Intimität. Seinem „Schmutz“ begegnet sie mit Reinlichkeit.)
** Rationalisierung = „logisches“ Erklären des eigenen Verhaltens oder Denkens, womit man es auf eine höhere, vernünftige oder allgemeingültige Ebene heben will.
Projektion = man projiziert die eigenen unterdrückten Gefühle oder Impulse auf jemand anders, ist fest überzeugt, sie an ihm wahrzunehmen, und kritisiert ihn auch gern mal dafür.
Leugnen = man leugnet schlichtweg, dass man ein Problem hat, und stellt sich als völlig normal dar und/oder empfindet sich selbst als völlig normal.
Aggressives Abwehren = die unterdrückte Angst verkehrt sich in Wut und richtet sich gegen Menschen oder Dinge, die mit den versteckten Ängsten verknüpft werden (z.B. Fremdenhass, der sich pauschal gegen Menschen mit bestimmter Zugehörigkeit richtet).
Psychosomatik = unterdrückte Gefühle und Bedürfnisse werden über den Körper ausgedrückt in Form von Krankheiten, Beschwerden und Überempfindlichkeiten.
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© Beatrice Poschenrieder
„Mr.

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