Was macht einen Alltagsneurotiker aus? Teil 2

Es gibt Neurotiker, die noch einigermaßen sozialkompatibel sind, und es gibt Hardcore-Neurotiker. Einen hab ich euch bereits beschrieben, hier ist noch einer:
Ich lernte O. im September kennen, auf einem Singleportal namens Lotuscafé; als Beruf hatte er „Psychotherapie“ angegeben, was ich prima fand: sicher hätte ich mit dem Kollegen eine Menge Austausch. Auf das Date hatte ich einige Hoffnungen gesetzt; er war in den Mails so begeistert gewesen von mir und meinem Profil, und das Telefonat lief gut – fand er wohl auch, denn er wollte mich treffen: Im Park und dort auf einer Bank sitzen (denn: Sitzen auf einer Decke könnte von unten her feucht werden…). Ich finde eine Parkbank nicht grade den Gipfel der Gemütlichkeit und fragte, ob wir auch ein bisschen spazieren gehen könnten. Er: „Ich weiß nicht, ob das geht, ich fühle mich grade so schwach.“
„Warum fühlst du dich denn schwach?“ hakte ich nach.
„Weil ich letztes Wochenende wandern war“, erwiderte er (Anmerkung: wir hatten Freitag abend), “und diese Woche war die Arbeit so anstrengend“. Ein bisschen seltsam fand ich das schon, aber mal sehen…

Am anderen Tag marschierte ich zum Treffpunkt im Park und dachte eigentlich, ich würde nun auf einen dünnen, zarten Mann treffen. Aber er war von kräftiger Statur, breitschultrig, Bauchansatz, Beine wie Baumstämme, auch das Gesicht eher derb denn zart, Glatze; eigentlich sah er aus wie einer dieser typischen Lederschwulen, nur ohne Leder.
Wir gingen los, ich wollte mit ihm in ein zwangloses Geplauder kommen, und schon fuhr er mich an: „Übrigens, ich kann es nicht leiden, wenn man mich dauernd unterbricht.“
Leute, ich sag euch: Wenn jemand euch das an den Kopf wirft, obwohl ihr diesen Vorwurf von anderen nie kriegt, dann brecht das Date ab, denn am Ende wird eh nichts Gutes dabei herauskommen.
Ich fragte, wie viele Stunden er diese Woche denn gearbeitet hatte (weil sie ihn so angestrengt hatte). Er: „Anderthalb Stunden Sitzung und dann noch Büroarbeit, also Abrechnung und so.“
„Also so drei, vier Stunden?“ hakte ich nach. Er bejahte.
Ich: „Wie kommt´s, dass du diese Woche nur drei, vier Stunden gearbeitet hast, aber dich zu schwach für einen Spaziergang fühlst? Hast du eine Erkrankung?“ Er verneinte und äußerte eine merkwürdige Begründung, die ich nicht verstand, irgendwas von, die Leute in dem Haus, wo er wohnte, würden so viel Energie aus ihm herausziehen.

Ich erfuhr, dass er gar kein Psychotherapeut war/ist, sondern eigentlich arbeitslos; früher war er mal Installateur gewesen, hatte das aber wegen anhaltendem Burnout abgebrochen und irgendwann einen einzelnen Lehrgang in einer Körperpsychotherapie-Methode gemacht, die er nun gelegentlich in einer Gemeinschaftspraxis ausübte, wo er stundenweise einen Raum nutzen konnte.
Wie viele Neurotiker, fühlte er sich nicht nur schwächer und kleiner, als er tatsächlich war, sondern hatte auch zig Empfindlichkeiten, betrachtete das als Besonderheit und trug das fast wie einen Orden vor sich her: „Mein Magen ist so sensibel, ich vertrage dies nicht und jenes nicht, und von asiatischem Essen bekomme ich Durchfall, und auf x und y und z bin ich allergisch, hach, ich bin halt ein Sensibler! Sogar meine Haut, also parfümierte Sachen gehen gar nicht!
Diese Stadt ist ja auch so krank, also wenn ich unterwegs war und nach Hause komme, muss ich erst mal lange duschen und dann eine halbe Stunde meditieren, um die schlechte Aura der Stadt loszuwerden.
Und auf ein Straßenfest oder ein lautes Konzert kannst du mit mir nicht gehen, Menschenansammlungen finde ich ganz schrecklich und es ist so laut, meine Ohren sind eben so sensibel!
Können wir bitte aus der Sonne gehen? Das ist mir zu warm!“ Aber im Schatten war es ihm dann nach 10 Sekunden zu kalt.
Ich spürte, wie heftiger Unmut und der Impuls in mir hochkrochen, ihm entweder offen zu sagen, wie sehr er mich anätzte, oder schnell abzuhauen. Warum? Das erkläre ich euch im nächsten Beitrag.
© Beatrice Poschenrieder

Weitere anschauliche und ausführliche Beispiele für Neurotiker (mit narzisstischer Ausprägung, mit Muttersöhnchen-Syndrom und mit Bindungsangst) plus Expertenkommentare findest du in den entsprechenden Kapiteln meines Ratgebers „Mister Aussichtslos“ (11,90 Euro).

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