Was macht einen Alltagsneurotiker aus? Teil 3

Hier der dritte Teil meines mehrteiligen Beitrags über Neurotiker… Der Lebensbereich, den´s bei Alltagsneurotikern meist am empfindlichsten trifft, ist der zwischenmenschliche. Es gibt bestimmt einige Menschen, die eine Beziehung mit einem Neurotiker (Mann oder Frau) aushalten, für mich ist es nix, weil ich in meiner Kindheit einige davon sehr dicht um mich hatte, sodass ich früher ebenfalls ein bisschen neurotisch war, was mir denn auch etliche Beziehungen verhagelte.
Auf so jemanden musst du meistens irgendwie Rücksicht nehmen, weil er dies nicht mag und jenes nicht verträgt, oder bei xy wird ihm mulmig und und und. Klar hat praktisch jeder Mensch so seine Eigenheiten und Zipperlein, aber der Unterschied zwischen „gesund“ und „nicht gesund“ ist:
„psycho“Neurotiker sind Sklaven ihrer Ängste und ihrer starren Eigenheiten, und wenn du in enger Verbindung mit so jemandem stehst, bist auch du davon betroffen. Meistens blickst du´s nicht mal, sondern (und das erst nach einer Weile) du wirst nur so ein vages Gefühl von Unmut haben – vor allem weil dieser Mensch haufenweise Beschränkungen hat, und zwar in einer Stärke oder einem Ausmaß, die du von „normalen“, offenen, entspannten Menschen nicht kennst. Die Beschränkungen des Neurotikers begrenzen sein Zeitbudget und vor allem bewirken sie, dass du mit ihm/ihr sehr viele Dinge, die für andere ganz selbstverständlich sind, nicht erleben kannst, oder nur unter bestimmten Bedingungen. Das heißt: Er bestimmt direkt oder indirekt, was und wie es läuft. Wobei natürlich jeder Neurotiker seine eigenen beschränkten Bereiche hat. Ich hatte mal eine Kurzbeziehung mit einem Kontrollfreak, mit dem zwar fast alle Unternehmungen möglich waren (etwa Konzerte, Festivals, Kurzreisen, Ausflüge in die Natur), aber der ein extremes Kontrolldings hatte, was Sex, Zeitplanung, bestimmte Nahrungsmittel und Konsum betraf. Ein anderer wiederum war ein krasser Sauberkeitsfanatiker; unter anderem verbrachte er die Wochenenden überwiegend damit, seine Wohnung zu putzen und staubfrei zu kriegen, was seltsam war, denn er hatte eine absolut neue Neubauwohnung bezogen, in der es fast keine Einrichtung gab außer eine Einbauküche, ein Bett und einen Kleiderschrank; und in der ganzen Küche befand sich nie auch nur ein einziges Fitzelchen zu essen und zu trinken.
Es kann ja durchaus mal vorkommen, dass auch ein nicht-neurotischer Mensch dir sagt, „ich mag´s nicht, wenn Krümel rumliegen“, „ich vertrag keine Milch und keinen Kohl“ oder „ich brauch heut was Ruhiges, weil mein Job grade so stressig ist“. Aber beim Neurotiker kommen die Einschränkungen eben so auffällig gehäuft oder so vehement vor. Bei vielen Betroffenen gibt es kaum mal einen Tag, wo sie nicht irgendwas abblocken und/oder wo sie sich wohl, frei, unbeschwert, unbelastet und gesund fühlen.
Fieserweise darfst du deine Beobachtungen oder deinen Unmut ja nicht mal rauslassen, weil der Neurotiker dann gern die Psychokeule rausholt, mit der er DICH hinstellt als daneben (nämlich: unsensibel, rücksichtslos, intolerant, etc.).
Oftmals stellen genau diese in diesem Beitrag genannten Vorgänge auch gewisse (meist unbewussten) Vorteile für den Betroffenen dar: etwa dass er eine gewisse Kontrolle über die anderen behält, dass er Schonung und Rücksicht erzwingt, dass er Aufmerksamkeit / Zuwendung bekommt, dass er sich wichtig fühlt, dass er die Verantwortung (für alles Mögliche, z.B. sein seelisches Gleichgewicht) auf andere abschieben kann… Teils ist es sogar eine Art Liebesbeweis oder „Wertbeweis“: Erst wenn ihr Rücksicht auf meine Schwächen und Eigenheiten nehmt, habe ich das Gefühl, dass ich euch wichtig / etwas wert bin. Da derjenige sich das Wertgefühl, die Zuwendung, die Rücksichtnahme, die Aufmerksamkeit aber nicht auf direktem Wege erwirbt (etwa indem er darum bittet oder auch seinerseits viel gibt), fühlen sich die Mitmenschen über kurz oder lang manipuliert; Unmut kommt auf und sie fangen an, das Zusammensein mit dem Neurotiker immer mehr zu meiden, es sei denn, es besteht irgendeine Art von Abhängigkeit (etwa eine emotionale).

Von daher: Es lohnt sich, sich selbst auf den Prüfstand zu nehmen: Was an mir ist starr / unflexibel / schränkt mein Erleben ein oder die Nähe zu wichtigen Menschen? und auszuprobieren, ob es nicht auch anders geht.
© Beatrice Poschenrieder