Schräge Dates: Der Herzverlorene

„Ich habe vor ein paar Jahren mein Herz verloren und noch nicht wieder zurückbekommen“, stand im Profil des ansehnlichen 50jährigen, den ich vor etwa einem Monat traf. Ich fand das irgendwie rührend und interpretierte sein Statement dahingehend, dass er jetzt nach der Frau sucht, die ihn gefühlsmäßig wiederbelebt. Da stand außerdem, dass er bis zur Wiederherstellung seines Herzens gern eine Frau kennenlernen möchte, die mit ihm Musik und Küsse teilt. Da bin ich vielleicht genau die Richtige!, dachte ich, und schrieb ihm, dass wir ja erst mal ein Live-Treffen mit Musik anpeilen könnten und bei gegenseitigem Wohlgefallen auch mit Küssen. Er war sofort dabei, und ein, zwei Tage später trafen wir uns bereits.
Da stand er am Hermannplatz, groß, blond, aufrecht, kantige Züge, blaue Augen, ein eigentlich schöner Mann, wenn man das Hölzerne in seinem Gesicht und seiner Körpersprache übersah. Ich übersah es nicht, aber überging es, denn vielleicht wäre es nur eine anfängliche Unsicherheit…
Wir gingen ein ganzes Stück zu Fuß zu dem Biergarten, den er anvisierte, nebeneinander her, ich munter plaudernd, er eher etwas steif und zurückhaltend, aber nicht unsympatisch.

Wir setzten uns, er holte netterweise etwas zu trinken; Unterhaltung über Berlin, über Neukölln, über seinen Job (den ich hochinteressant fand, er aber meckerte). Mir fiel auf, dass er mich die ganze Zeit kaum ansah, und das blieb das ganze Date lang so, was seltsam war, denn er ließ mich über vier Stunden nicht gehen, sondern suchte mit mir lauter romantische Locations auf: den Biergarten in der Hasenheide unter Bäumen, das Tempelhofer Feld, ein niedliches Sofa-Café und eine lauschige Musikkneipe.
Drama-Stimmung auf dem Tempelhofer Feld Am T-Feld holten wir Getränke bei einem lustigen Fahrenden Händler, der mich damit aufzog, dass ich meinem „schönen Mann“ nicht zu viel Bier geben sollte; mein Date lachte - und sah mich nicht an. Wir setzten uns an einen kleinen Abhang, sodass wir vollen Blick auf die schöne Abendstimmung hatten, aber statt mit mir zu flirten, erklärte er mir, was sein Statement zu bedeuten hatte: dass sein Herz seit 9 Jahren fest vergeben sei - an eine Frau, die er liebt, aber mit der er nicht zusammen ist.
Warum nicht? fragte ich.
„Weil sie keine Beziehung mit mir will“, erwiderte er.
„Hattet ihr mal was miteinander?“
„Nein.“
„Nicht mal ein Kuss?“
„Nein.“
Ach herrje, dachte ich, auf den brauch ich mir ja gar keine Hoffnungen zu machen, und hatte den sofortigen Impuls, nach Hause zu gehen, aber wie so oft siegte meine Neugier: Das wollte ich genauer wissen, was mit dem Kerl los war.
Fortsetzung im nächsten Blog-Beitrag!
© Beatrice Poschenrieder
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