Schräge Dates: Der Herzverlorene Teil 2

Gestern hab ich euch von dem attraktiven Blonden erzählt, der mir im romantischsten Ambiente unbewegt erzählte, dass sein Herz seit 9 Jahren fest vergeben sei – an eine Frau, die er liebt, aber mit der er nicht zusammen ist und mit der er noch nicht einmal einen Kuss ausgetauscht hatte.
Ich hakte nach: „Aber wenn du nie mit ihr zusammen warst und vermutlich auch nie eine Chance drauf kriegen wirst, warum lässt du sie dann nicht los und machst dein Herz auf für eine neue Frau?“
„Weil ich nicht kann.“
Weil er nicht will, dachte ich, denn das Festhalten an so einem Ideal-Phantom ist ein hervorragender Schutz gegen die schrecklichen Gefahren der Liebe. In diesem Moment überlegte ich, ob ich nach Hause gehen sollte, aber wie so oft siegte meine Neugier.


In der nächsten Location fragte ich ihn, wie er denn mit seinen körperlichen Bedürfnissen umginge, wenn er seit mindestens neun Jahren beziehungslos sei. „Naja“, sagte er, „ich hab ab und zu casual Sex mit Frauen, die ich in Singlebörsen kennen lerne. Aber letztlich ist das auch nix. Ich hatte da eh nie richtig tollen Sex, wie sonst auch nicht.“
„Du willst damit sagen, du hattest noch nie in deinem Leben richtig tollen Sex?“
„Tja, so ist das. Ich weiß nicht mal, ob´s das wirklich gibt.“
Ich sagte, es sei doch ganz einfach, tollen Sex zu haben: Man muss nur den Körper aufmachen und das Herz oder Gefühl auch.
Er zuckte mit den Schultern und ich überlegte abermals, ob ich das Treffen nicht beenden sollte. Der Gedanke, was da noch kommen möge, hielt mich dran.
Armer einsamer Kater Eine Stunde später erzählte er mir, dass er die Frau, mit der er 13 Jahre verheiratet gewesen war, nie geliebt hätte. Ich fragte, wieso er denn stattliche 13 Jahre mit einer Frau zusammengeblieben war, die er nicht liebte. „Weil es bequem mit ihr war“, sagte er, „und weil wir ein Haus hatten.“
Und ich dachte, auch das Festhalten an so einer Verlegenheitsbeziehung ist ein hervorragender Schutz gegen die schrecklichen Gefahren der Liebe. Ich überschlug im Kopf die Infos, die er mir diesbezüglich gegeben hatte: Spätzünder, ein, zwei unbedeutende Anfänger-Liebeleien, dann die 13 Jahre mit seiner Exfrau, dann 3 Jahre single und seit 9 Jahren unglücklich und hoffnungslos verliebt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte er noch nie eine Liebesbeziehung gehabt.
Da wurde mir dann vollends klar, was das Hölzerne war, das mir gleich zu Anfang an ihm aufgefallen war: sein dicker fetter Schutzpanzer.
Wenn ich mich mal genauer hineinfühlte, was seine Körpersprache aussagte, dieses Angespannte, Zugeknöpfte, Reduzierte, und dass er mich nicht ansah: Sie sagte, „Ich muss aufpassen und mich wappnen, dass man mir ja nicht zu nah kommt und ich keinen zu nah an mich ranlasse, denn sonst droht mir was ganz Fürchterliches.“
Jessas, dachte ich, was muss dem armen Kerl in der Kindheit widerfahren sein, dass er aus lauter Angst vor Nähe, vor Sich-Einlassen, vor Jemand-an-sich-heranlassen und was auch immer er damit verbindet, diese wundervolle Sache namens Liebe aus seinem Leben heraushält.
Er tat mir sehr leid, aber mein Ehrgeiz war und ist ganz gewiss nicht, ihn zu knacken.
© Beatrice Poschenrieder

Super Buchtipp hierzu: Stefanie Stahls wundervolles Nachfolgebuch zu ihrem genialen Bestseller über Nähe- und Bindungsangst “Jein!”: Von Jein zum Ja