Schräge Dates: Der Mann, der noch Kind sein will (Teil 2)

Hier die Fortsetzung meiner Begegnung mit Tim, dem netten 34jährigen, der noch nie Sex und/oder eine Beziehung gehabt hatte. Im Grunde machte er mit mir alles richtig: Er schickte einen halben Tag nach unserem ersten Treffen eine reizende SMS, in der er sich für den schönen Abend bedankte und signalisierte, dass er jederzeit bereit sei für das nächste Treffen. Und einen weiteren Tag später schrieb er, dass er mich gern zum Essen einladen würde, ob ich ein Lokal wüsste?
Das fand ich so liebenswürdig, dass ich zusagte, und schlug ein Café vor mit sehr schönem Ambiente und moderaten Preisen, denn er wirkte nicht grade wohlhabend.
Tim erschien am Treffpunkt ohne Jacke, ohne Tasche im selben quietschgelben T´Shirt wie zum ersten Date und wirkte fast noch verhuschter und angespannter – nun gut. Wir gingen ein paar Hundert Meter zum Lokal, auf dem Weg winkelte er den Arm an, als wolle er ihn mir zum Unterhaken anbieten, aber als ich das nicht nutzte, behielt er den Arm trotzdem in der Position, ganz steif. Das hatte er beim ersten Treffen auch schon gemacht, aber nur andeutungsweise.
Im Lokal setzten uns in eine gemütliche Ecke und sichteten die Speisekarte. Sie bot eine kreative Kiezküche, ich konnte mich kaum entscheiden, so toll klang die Auswahl, aber Tim wählte seltsamerweise das einzige konservative Gericht: Schnitzel mit Pommes.


Während wir aufs Essen warteten, erfuhr ich, dass er derzeit arbeitslos ist. Wie eigentlich die meiste Zeit in seinem Leben. Weil er keinerlei Berufsausbildung hat, kein Studium, nichts – jeden Job brach er nach kurzer Zeit ab, so auch eine Stelle im Rheinland zu Anfang seines Aufenthalts in Deutschland, eine Ausbildung zum Hotelfachmann, die er als „nett und interessant“ beschrieb. „Warum hast du es dann nach einem Monat geschmissen?“ fragte ich. Er: „Ich weiß auch nicht.“ Ich: „Es muss doch einen Grund geben?“ – „Nein, ich weiß nicht. Einfach so.“
Nun lebte er seit 4 Monaten in Berlin, meldete sich hier und da auf Stellenanzeigen, aber: „Keiner will mich.“
Seltsam, oder.
„Eine SIM-Card mit ner deutschen Telefonnummer wäre da schon ganz hilfreich“, sagte ich. Er erwiderte, dass das schwierig wäre, weil er fast täglich mit seiner Mutter telefoniere, die ja in seinem Heimatland lebt. Beziehungsweise sie rufe ihn täglich an, und wenn er eine deutsche Nummer hätte, wäre das ja so teuer für sie. Als ich fragte, ob er das denn überhaupt will: Klares Nein. Aber sie rufe halt an und er bringe es nicht fertig, dann nicht ranzugehen. Ich: „Was würde denn passieren, wenn du einfach nicht mehr rangehst?“ Er: „Naja, wenn ich das mache, alarmiert sie die Polizei, und die stehen dann vor meiner Tür und fragen mich aus.“
Er formulierte es, als ob das schon mal passiert wäre. Also fragte ich: „Ist das schon mal passiert?“ „Nein“, sagte er, „aber ich bin sicher, dass das passieren würde.“
„einsamerIch klärte ihn auf, dass die Berliner Polizei Besseres zu tun hat als einen 34jährigen aufzusuchen, dessen Mami irgendwelche vagen Vermutungen äußert; dass die hiesigen Bullen sie abblitzen lassen würden.
Er deutete auch an, dass er vor seinen Eltern nach Deutschland geflohen sei. Ich wollte fragen, wie er das meinte, aber das Essen kam.
Jessas, Tim schaufelte den Riesen Berg Pommes und das Schnitzel in sich hinein, mit halboffenem Mund und sehr lauten Essgeräuschen, als wäre er tatsächlich auf der Flucht. Mich ergriff auch ein leichtes Fluchtbedürfnis, aber da war die Schmatzerei und Schnauferei beim Essen die kleinste Ursache. Ein 34jähriges Muttersöhnchen, das noch nie in seinem Leben richtig gearbeitet hat, fast täglich mit Mami telefoniert, in Kinder-T´Shirts rumläuft und merkwürdige Schrullen hat – das ist nicht grade mein Typ Mann… Aber irgendwie tat er mir auch leid – er schien sehr einsam und verloren zu sein in dieser großen fremden Stadt. Fortsetzung im nächsten Beitrag!
© Beatrice Poschenrieder
Und hier noch ein Youtube-Video von mir, in dem auch der Muttersöhnchen-Typ vorkommt: