Schräge Dates: Der Mann, der noch Kind sein will (Teil 1)

Wie im letzten Blogbeitrag erwähnt, habe ich vor ein paar Wochen ein anschauliches Beispiel eines Mannes, der im Grunde noch Kind ist, kennen gelernt. Er – nennen wir ihn Tim – ist ein netter Mensch, aber erst 34, also nicht die Altersklasse, die für mich partnerschaftlich in Frage kommt. Ich traf ihn eigentlich nur zum Spaß und weil er mich auf dem Singleforum so liebenswürdig angesprochen hatte. In seinem Profil stand, dass er erst seit kurzem in Berlin lebe und offen sei für allerlei Unternehmungen, und da ich eh zu einem netten kleinen Musikfestival im Wedding gehen wollte – Tim wohnt in diesem Stadtteil – fragte ich ihn einfach, ob er mitkommen wolle. Er stimmte sofort zu.


Was ich vorab über ihn erfahren hatte, war, dass er aus einem Nachbarland von Deutschland kommt, seit einigen Monaten in der BRD lebt, zuerst einen kleinen Job im Rheinland hatte und jetzt in Berlin auf Arbeitssuche ist. Auf seinen Fotos sieht er aus wie ein recht ansehnlicher Typ, sehr schlank, kurzes dunkles Haar, seelenvolle dunkle Augen, hohe Wangenknochen.
Live sah er im Prinzip genauso aus, allerdings schmälerte seine Ausstrahlung die nette Optik: seine Körpersprache war verhuscht und fahrig, wenig selbstbewusst; die eh schon schmalen Schultern nach unten-innen gezogen, Hals und Kopf auch, so als wolle er sich klein machen. Zu unserem Treffen kam er etwas später als erwartet und wirkte auf mich sofort wie jemand, der verfolgt wird oder unter Angst steht.
Bei solchen Menschen gerate ich meistens automatisch in ein ausgleichendes Fahrwasser, warm und freundschaftlich, und das schien hier gut zu funktionieren – Tim entspannte sich allmählich und trank meine halbe Wasserflasche leer… weil er es irgendwie nicht hinkriegte, sich etwas zu trinken zu kaufen, und auch später in der Kneipe war ich diejenige, die die erste Lage Getränke holte, aber so what – er kam mir da eh schon eher wie ein 19jähriger vor als wie ein Mann von 34. Als Mensch mochte ich ihn, er hatte eine angenehme Art, höflich, respektvoll, und vor allem aufrichtig. Ich finde es toll, wenn ein Mann nicht versucht, seine „Defizite“ hinter Geschwafel und Schwindeleien zu verstecken, sondern wenn er einfach dazu steht, dass er in mancher Hinsicht nicht so der Held ist. Tim kam nun nicht grade frei damit heraus, aber er beantwortete ganz ehrlich meine Fragen.
KindheitBei diesem ersten Treffen stellte sich heraus: Er hatte bisher in seinem Leben weder eine Beziehung noch Sex. Gradlinig wie ich bin, fragte ich: „Du bist noch Jungfrau?!“ Er fühlte sich nicht angegriffen, sondern sagte schüchtern: „Ja, das ist so.“
„Komisch“, entgegnete ich, „wie kann das sein? Du bist doch ein hübscher Mann!“ (Naja, hübsch mit Abstrichen, denn außer der schlechten Körperhaltung hatte er auch eine seltsame Hautabschuppung im Gesicht, als schrubbe er es täglich und lange mit einer harten Bürste; aber das behielt ich für mich.) Er erwiderte: „In der Schule sagten die Kinder, ich sei hässlich.“
Meistens ist das nicht der eigentliche Grund, denn ein Kind, das in einer emotional gesunden Familie aufwächst, würde erstens vermittelt bekommen, dass es keineswegs hässlich ist, und den anderen Kindern kräftig contra geben, zweitens könnte es mit diesem Kummer zu seinen Eltern gehen und bekäme dort ausgleichenden Trost und Beistand. Bei Kindern, wie Tim es mal war, ist das nicht der Fall, sondern sie sind solchen Gemeinheiten schutzlos ausgeliefert und nehmen sie sich schrecklich zu Herzen.
Solche Vorgänge sind auch nicht wirklich die Ursache, warum jemand mit 34 noch nie Liebe und Sex mit einem Partner teilte, sondern solche Vorgänge sind ebenso wie die Beziehungs- und Sexlosigkeit eine Auswirkung der dysfunktionalen Familie, aus der der Betreffende kommt, auf gut deutsch: Verkorkste Familie, verkorkste Kindheit. Ich habe es in meiner Arbeit immer bestätigt gefunden, und es würde sich auch bei Tim bestätigen, in unseren weiteren Dates.
Fortsetzung im nächsten Blogbeitrag!
© Beatrice Poschenrieder