Werden Beziehungen heute zu schnell weggeworfen? Kommentar Nr. 1

Einige Leser haben meinen Beitrag «Werden Beziehungen heute zu schnell weggeworfen?» mit Kommentaren versehen – sie sind wirklich lesenswert, weil sie gute Aspekte und Hinweise enthalten.

Wie kann man an einer Paarbeziehung arbeiten?
Eine richtig gute, sehr lange Beziehung, vielleicht sogar lebenslang: Geht das überhaupt?

Hier Kommentar Nr. 1 von Markus (51):
«Liebe Beatrice,
ich stimme Ihrer Antwort auf Bettys Brief in ganz großen Teilen zu. Keineswegs glaube ich, dass es früher besser um Beziehungen stand, eher im Gegenteil. Was haben vor allem Frauen gelitten! Doch manchmal staune ich auch, wie die Zweierbeziehung gering geschätzt wird, gerade die langfristige, ja vielleicht sogar mit dem Ideal der lebenslangen Treue verbundene Beziehung – und wie schnell Menschen bereit sind, sich zu trennen.
Ich habe das bei einem Freund erlebt, der nach 17 Jahren Ehe diese für mein Empfinden sehr schnell beendete. Mein Versuch, ihn erst mal zum Abwarten und Aufsuchen von Beratung (als Vorschlag auch bei Ihnen) zu überreden, scheiterte grandios. Es konnte gar nicht schnell genug gehen. Wenige Monate später hatte er alle Rückwege abgebrochen und war emotional im tiefsten Keller, bereute den Schritt zutiefst, aber es gab kein Zurück mehr.
Jetzt sitzt er in seiner kleinen Mietwohnung und versucht, sein Leben wieder irgendwie in den Griff zu bekommen. Seine Versuche, eine neue Beziehung aufzubauen, mit Parship etc, scheitern regelmäßig.
Inzwischen glaube ich zwar, dass seine Ehe womöglich wirklich zum Scheitern verurteilt war. Dennoch frage ich mich: Warum war so wenig Geduld da? Gut, ja, vielleicht war doch schon innerlich viel mehr und eine viel längere Auseinandersetzung da als sichtbar wurde. Was ich jedoch meine, und darauf spricht die Briefautorin womöglich auch an: Warum werden die Chancen der Beziehungserhaltung und -verbesserung, die wir heute haben, nicht noch viel intensiver genutzt?
Wenn ich bedenke, wieviele Leute immer noch heiraten, dann wundere ich mich schon, wie wenige z.B. die Möglichkeiten von EPL-Programmen und anderen Kommunikationskursen nutzen. In der katholischen Kirche werden schon lange EPL-Kurse* und Ehevorbereitungskurse auf freiwilliger Basis angeboten. Es ist erwiesen, dass die Absolventen solcher Kurse langfristig davon profitieren und in ihrer Beziehung glücklicher sind. Und doch scheinen die meisten zu glauben, das mit einer festen Beziehung oder der Ehe funktioniere von selbst und sie hätten das nicht nötig. Insofern meine ich: Nein, Beziehungen werden heute nicht schneller weggeworfen als früher. Aber die Chancen, sie zu gestalten und zu erhalten, werden noch viel zu wenig genutzt. Und das Bewusstsein, dass eine langfristige gelingende Beziehung sowohl aus Glück als auch aus Arbeit und Geduld besteht, ist viel zu wenig verbreitet.»

* EPL steht für “Ein Partnerschaftliches Lernprogramm” und bezeichnet ein Kommunikationstraining für Paare; es verbessert die Kommunikation und das gegenseitige Verständnis in der Partnerschaft.
Und meine Webseite www.frag-beatrice.de enthält eine Fülle von Tipps und Anregungen für eine gute, lebendige Paarbeziehung – zum Beispiel die Rubrik «Beziehungsprobleme» oder das «FAQ Liebe».

Eine wunderbare Ergänzung zu diesem Kommentar enthält der nächste Beitrag: Mirjam erklärt, was man tun kann (und sollte), damit man weder selbst noch der Partner das Gefühl hat, die Beziehung loswerden zu müssen.

One thought on “Werden Beziehungen heute zu schnell weggeworfen? Kommentar Nr. 1

  1. Hallo! Ich denke auch, dass vor allem der letzte Satz von Markus ins Schwarze trifft: Zu viele Menschen meinen, eine Beziehung sei etwas, das von selbst gelingt, es müssten bloß die Gefühle füreinander stark genug sein, so wie im Film. Sind die Gefühle erst mal weg, kommt die große Verunsicherung. Haben wir uns nicht genug geliebt? Warum hat mein Traumpartner Macken?… etc.
    Zu einer Beziehung gehören meiner Meinung nach zwei Menschen, die sich in jeder Phase der Beziehung grundlegend einig sind, zusammen sein zu wollen und die deshalb an einem Strang ziehen, egal was kommt. Das setzt aber ein gegenseitiges Vertrauen voraus, das nicht jeder im gleichen Maße mitbringt. Sind sich die Beteiligten im Vorfeld über ihre Ängste im Klaren, können sie miteinander darüber reden und versuchen, konstruktiv damit umzugehen. Mit gegenseitigem guten Willen und Verständnis kann das klappen.
    Was Beziehungen heute schwierig macht ist, glaube ich, eine gewisse Ungeduld und die Erwartung, dass die Beziehung von Anfang an und mühelos perfekt laufen muss. Auch die Bereitschaft, einen anderen Menschen liebevoll so anzunehmen wie er ist, ist vielleicht nicht so stark gegeben, geschweige denn die Bereitschaft, einem anderen auch Platz im eigenen Leben einzuräumen. Es könnte ja hinter der nächsten Ecke jemand “Besseres” daherkommen. Während wir uns deshalb vieles insgeheim offen lassen, versäumen wir die Chance, uns ganz auf einen konkreten Menschen einzulassen, ohne Wenn und Aber (und den Stress der Partnersuche ein für alle mal sein lassen zu können).
    Ich denke, es ist ein gewisses Perfektionsstreben, die große Auswahl an potentiellen Partnern durch das Internet, aber auch die Aussicht auf eine lebenslange Bindung, wo wir heute viel länger leben als frühere Generationen, die es erschweren, sich dauerhaft an eine einzige Person zu binden.

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