Das Gießkannen-Prinzip: Eine wird schon anbeißen

Ich hab ja schon hier und da erwähnt, was ich von „Gießkannenmails“ in Singlebörsen halte (nämlich wenig bis gar nix) – damit meine ich „Massenmails“, also dass jemand ein und die selbe Mail an zig oder gar Hunderte von Mitgliedern verschickt, nach dem Motto: „irgendeine wird schon anbeißen“. Ich hab jetzt mal „irgendeine“ formuliert, statt „jemand“, denn ich denke, dass dieses Verfahren bei Männern weitaus verbreiteter ist als bei Frauen. Entschuldigend könnte man zwar sagen, dass der leidige Job des erstens Ansprechens auch heute noch eher an den Männern hängenbleibt; aber die Wahrscheinlichkeit, dass man durch eine massenhaft verschickte Pauschalmail tatsächlich DIE EINE Frau findet, die super zu einem passt, ist doch recht gering, oder? Will man wirklich Masse statt Klasse?
Manche wahrscheinlich schon.


Mich jedenfalls nerven Gießkannenmails genauso wie die Spam in meinem privaten Emaileingang und die Werbung im Fernsehen. Sie verstopfen meine Postfächer und mein Gehirn.
Hier zwei kurze Beispiele
«Hi du! Deine Fotos gefallen mir! Wollen wir uns auf einen Kaffee treffen?» (Dieser Typ will absolut keine Zeit verlieren und schnell zur Sache kommen.)

«Liebe Unbekannte,
herzliche Grüße! Ihr Profil ist vielseitig und interessant. Wollen wir uns mailen? Was es zu erzählen gibt über mich, ganz in Kürze: Am Leben und allem, was dazugehört, bin ich interessiert. Von Kultur, Kunst, Bücher, Urlaub, Zeitgeist, etc. Also von Radfahren über Reisen bis zur Oper lasse ich mich gerne begeistern. Bis dahin mit vielen Grüßen XX »
(Klingt eher wie in einer formellen Bewerbung. Lockerer und persönlicher formuliert, würde es mich schon eher ansprechen.)

„giesskanne“Jetzt noch ein langes Beispiel; es kommt von jemandem, der drei gruselige Fotos eingestellt hat, eines davon zeigt ihn sogar mit komplett geöffnetem Hemd, darunter ist ein speckiger Bauch zu sehen, Brust und Bauch sind über und über von schwarzen Haaren bedeckt. Sein Gesicht ist schon etwas ramponiert und entspricht durchaus seinen 55 Jahren (es könnten auch 59 sein) – aber er bezeichnet sich als „sehr attraktiv“ und „athletisch“ (war ja klar).

«Hallo Du, der Computer meint wir sollen miteinander reden, also fang ich mal an 😉 Schon spannend Dein Profil. Was sagst Du zu all den Differenzen? Naja Worte sind nicht alles aber Deine Beschreibung macht Lust auf mehr. Je nach Gemütslage bastelt man sich ein Bild das es dann mit Leben zu erfüllen gilt.. Echte Bilder haben aber auch was für sich.. Wer dann tatsächlich dahinter steckt ist manchmal schwer zu ergründen aber das macht es ja auch interessant. Freue mich von Ihnen (hmm war ja oben schon beim Du) also von Dir zu lesen hören chatten oder von mir aus auch übersinnlich (wenn Du da einen Draht hast) zu kommunizieren. Oder wir sparen uns Derartiges für später auf. Vorerst reicht auch Magie oder etwas profaner die richtige Chemie… einfachster Weise tuts auch die Physik *lach* oder doch nicht *heul*. Wohne übrigens im Wald von XXX und fahre fast täglich zum Job nach Berlin. Falls Du als Entscheidungshilfe zwischen Kontaktaufnahme und “Nein ich bin nicht interessiert” mehr Fotos, Sounds oder Videos aus meinem Lebensumfeld haben möchtest schick mir einfach Deine E-Mail Adresse Ja ich suche eine Seele die in der Lage ist an den Dingen vorbei in mein Herz zu schauen, mich mit allen Sinnen wahrnimmt. Wer diese Fähigkeit besitzt kann des Echos sicher sein. Wege zum Anbändeln: Chat icq: xxx Mail: XXX»

Genau, wir kommunizieren erst mal übersinnlich mit Magie. *lach* oder doch nicht *heul*? Uäh.

Die Verfasser der langen Massenmails glauben mit Sicherheit, dass die Empfängerin eine derart lange und (aus seiner Sicht) wohlformulierte Nachricht nicht als Massenmail identifiziert – aber weit gefehlt! Der Behaarte bezieht sich mit keinem Wort auf mich – alles, was er schreibt, kann an jedes weibliche Mitglied gerichtet sein. Außerdem hat er mein Profil noch nicht mal angeschaut, sonst wüsste er, dass er für mich nicht in Frage kommt.
Ich sag euch eines: Lange Gießkannenmails sind noch schlimmer als kurze! Warum? Sie rauben mir Zeit (völlig sinnlos verbrachte Zeit) und sie sind Gelabere; sie sind wie diese Leute, die ungebeten an dich rantappen, dir das Ohr vollschwallern und sich auch noch einbilden, das sei Mords interessant.
Das, was der Behaarte schreibt, gehört bestenfalls in sein Profil. Aber eigentlich nicht mal da, denn diese Mischung aus Pseudo-Philosophisch und Sparwitz spricht vermutlich nicht allzu viele Frauen an.
Da sind mir die Kurz+Schmerzlos-Mailer à la „Ich finde deine Fotos und dein Profil sehr sympatisch, darf ich dich näher kennenlernen?“ doch hundertmal lieber. Die kriegen sogar eine Chance, falls auch ihr Profil sympatisch ist.
© Beatrice Poschenrieder

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