Fake-Profile Teil 2: Abzocke im großen Stil

Ich kündigte ja schon an, euch zu erzählen, was ein Freund von mir betreffs „Fake-Profile: So wirst du ausgenommen“ erlebte.
Nennen wir ihn Kai. Er ist 45, keineswegs hässlich, aber nicht gerade ein Womanizer (ungünstige Ausstrahlung wegen tief sitzender Komplexe) und daher auch kein Typ, der locker und aktiv auf Frauen zugeht, sondern eher abwartet, was ihm sozusagen in den Schoß fällt, und das dann dankbar aufnimmt; nun war er auf einem ganz normalen deutschen Singleportal angemeldet und hatte mangels Eigeninitiative und mangels eines interessanten Profils noch keine nennenswerten Kennlern-Erfolge. Solche Männer sind geradezu prädestiniert dafür, auf Fake-Profile hereinzufallen. Manchmal steht eine echte (meist attraktive) Frau dahinter, die allerdings eine Menge Lügen über sich und ihre Absichten erzählt; manchmal gibt es nicht mal eine echte Frau, alles ist gefälscht, die Fotos, die Angaben, die Mails übers Portal, ihre „eigene“ Emailadresse, ihre Handynummer, ihre SMSen.


Eines Tages erschien also eine recht hübsche 34jährige in Kais Besucherliste, mehrmals an aufeinanderfolgenden Tagen, bis er sie ansprach, zumal es ihn wunderte, dass eine Frau aus Buffalo, USA, sein Profil aufsuchte. Sie erwiderte auf Englisch, dass Berlin sie immer schon angezogen habe, da ihr Großvater von dort komme, er lebe nicht mehr, habe ihr aber viel über diese herrliche Stadt erzählt, und nun habe sie sein, Kais, Profil und Foto entdeckt und sofortige Sympathie verspürt, „wie Magie“.
Die beiden tauschten dann ein paar Wochen lang Emails, sie gewann immer mehr sein Vertrauen, indem sie viele private Details von sich verriet, auch eine Menge von ihm erfragte, wie Lieblingsfarbe, -essen, -film, -ort, seine Kindheit; auch aus der ihren erzählte sie ihm, vom Leben auf einer kleinen Farm im Nirgendwo mit den Eltern und der kleinen Schwester. Nach einigem taktischem Zögern gab „Helen“ ihm auch ihre private Emailadresse, bat ihn um mehr Fotos, lobte seine kräftige Statur, sein liebes Gesicht, sandte mehr Fotos von sich, erst brave, dann freizügigere mit tiefem Ausschnitt wie auch im Bikini… Kai war Feuer und Flamme. Sie vertraute ihm auch „Geheimnisse“ an wie, dass sie ihre Unschuld erst mit 21 an einen 12 Jahre älteren Mann verloren hatte, und dann hatte sie auch noch den großen Fehler gemacht, denselbigen zu heiraten, sie war jung und unerfahren und hatte sich einwickeln lassen, doch er entpuppte sich immer mehr als Nichtsnutz, der nicht nur sein eigenes Geld verprasste, sondern auch ihres, sodass sie völlig abgebrannt aus der Ehe ausstieg und ganz von vorn anfangen musste; aber jetzt, nach 6 Jahren, liefe endlich alles wieder gut, Job, nette Wohnung, es fehle nur noch eine neue Liebe…
Sie schrieb süße Sachen wie, sie möge schüchterne Männer wie ihn am liebsten, dass sie einsam sei und Sehnsucht habe nach einem lieben Mann an ihrer Seite, nach ihm im fernen Berlin. Der verliebte Kai fragte sie, ob er sie besuchen solle, sie erwiderte, dass ihre Umgebung keine Reise wert sei und ihre Wohnung sehr winzig, sie wolle lieber nach Berlin kommen und bei der Gelegenheit auch gleich erspüren, ob sie sich dort als neues Lebensumfeld wohl fühlen könnte. Er lud sie ein, sie sagte, sie müsse noch ein bisschen sparen fürs Flugticket. Er spendierte es ihr, zumal sie ja auch noch Kosten wegen des Visums und des Verdienstausfalles hätte. Datum ihrer Anreise: 20. April.
Kurz drauf vermeldete sie: „Das Visum ist genehmigt und ich freue mich so, nächste Woche in deine schönen braunen Augen blicken zu dürfen und von dir in die Arme genommen zu werden.“
„Hospital“Jedoch ein paar Tage vor der Reise schrieb sie hektisch und aufgewühlt, sie müsse die Reise verschieben, denn bei ihrer heißgeliebten kleinen Schwester sei plötzlich Darmkrebs diagnostiziert worden – schon im fortgeschrittenen Stadium!!! Zwar bestünde noch eine Chance auf Heilung, aber nur, wenn die große Operation und die weitere Behandlung mit Chemo usw. sofort begonnen würde – aber da es in den USA nicht üblich ist, dass man krankenversichert ist, müssten sie alles aus eigener Tasche zahlen, aber ihre Schwester habe kein Geld und sie fast keines, sie, Helen, habe nun schon ihr weniges Erspartes hergegeben und das Flugticket einlösen müssen, um wenigstens das Krankenhaus und die Untersuchungen anzuzahlen, aber wie man die ganzen Kosten (Zigtausende Dollar) am Ende finanzieren solle, wisse nur Gott allein. „Das System hier ist gnadenlos“, klagte sie, „in der Klinik sagen sie, wenn wir nicht schnellstmöglich mindestens 20.000 aufbringen, können sie meine Schwester nicht behandeln. Die Banken wollen uns nichts geben, denn sie ist arbeitslos und ich habe Eintragungen wegen meines Exmannes, er hat eh nichts und meine Freunde leider auch nicht. Sie wird sterben!“
Kai war erschüttert – und natürlich auch traurig, dass ihr Treffen platzte. Helen auch: „Ich weine stündlich bittere Tränen, um meine Schwester und auch darum, dass ich dich nicht sehen kann… wer weiß, ob wir uns je sehen können, denn jetzt muss ich jede Minute dafür aufwenden, meine Schwester zu retten. Wenn ich nur jemanden wüsste, der mir das Geld leihen kann! Ich will es ja zurückzahlen, und wenn ich dafür für die nächsten 20 Jahre brauche, ich kann doch meine Schwester nicht sterben lassen! Aber ich habe schon alle Leute gefragt, die ich kenne. Die Menschen in meiner Umgebung sind einfache, ehrliche Leute, wie ich, und sie können mir nicht helfen.“

Dreimal dürft ihr raten, was Kai machte: er bot an, ihr das Geld zu leihen. Nach einiger Ziererei sagte sie ja und gab ihm ihre Kontodaten.
Zum Glück ist Kai zwar gutgläubig, aber nicht ganz doof, und als er beim Überweisungsvorgang im Onlinebanking-System abfragte, welche Bank das denn nun sei, die zu diesen Daten gehörte, wurde eine Bank auf irgendeiner karibischen Insel genannt (er brach die Überweisung ab). Er fragte Helen danach, und sie erwiderte, sie habe dort ein Konto ihres Exmannes übernommen, weil es günstiger sei.
Kai war nun endlich misstrauisch und sagte, er wolle mit ihr telefonieren, und er wolle den Namen der Klinik, damit er sich selbst mit deren Rechnungsstelle in Verbindung setzen konnte. Sie faselte etwas von: sie könne sich kein Telefon leisten und ihre Schwester würde dieser Tage in eine andere Klinik verlegt… aber da ahnte Kai dann endlich, dass er einem Betrug aufgesessen war. Man will das ja erst mal nicht glauben, weil die Verliebtheit und die Hoffnungen noch eine ganze Weile anhalten, doch mit jeder Nachforschung, die er anstellte, verhärtete sich der Verdacht.
© Beatrice Poschenrieder