Liebe ist, dem anderen alle Freiheit zu lassen – wirklich?

Heute las ich in einer Singlebörse folgendes persönliches Statement von einem Mann (49):
«Liebe ist die Fähigkeit, den Menschen, die uns wichtig sind, die Freiheit zu lassen, die sie benötigen, um so sein zu können, wie sie sein wollen – unabhängig davon, ob wir uns damit identifizieren können oder nicht.
Wer von einem neuen Partner die ultimative Glückseligkeit erhofft, ist blind. Denn dafür sind wir selbst verantwortlich!»
Das klingt auf den ersten Blick recht erhaben – aber bei genauerem Hinsehen vertritt es zwei extreme Positionen: die eine ist die der idealen Mutter, die ihrem Kind alle Freiheit lässt, sich zu entfalten, und das Kind liebt, egal welche Sachen es meint zu seiner Selbstentfaltung machen zu müssen. Die andere ist die der abhängigen Partnerin, die sich vom Mann „die ultimative Glückseligkeit erhofft“ und die Verantwortung für ihr Glück an den Partner abgibt, statt selbst dafür zu sorgen.
Der richtige Weg für eine funktionierende Paar-/Liebesbeziehung liegt meines Erachtens genau dazwischen…


Du willst jetzt vielleicht wissen, was ich an der ersten Position auszusetzen habe:
«Liebe ist die Fähigkeit, den Menschen, die uns wichtig sind, die Freiheit zu lassen, die sie benötigen, um so sein zu können, wie sie sein wollen – unabhängig davon, ob wir uns damit identifizieren können oder nicht.»
Wenn man diese Freiheit selbst genießen darf, ist das natürlich herrlich, aber was, wenn es andersrum ist? Wenn dein Partner für seine Selbstentfaltung 600 oder 6000 km weit weg ziehen will, und du findest das keine gute Idee, weil du hier deine Arbeit hast und eure Kinder ihre Schule und ihre Freunde? Oder wenn er meint, er müsse mit seinen 42 oder 47 Jahren noch den Ironman machen, und fortan wegen seiner strengen Trainingspläne und Trainingscamps kaum noch Zeit und Energie für eure Beziehung hat? Oder wenn deine Partnerin sich erst dann 100 % ganz fühlt, wenn sie Mutter wird, und da du auf keinen Fall (mehr) Vater werden willst, holt sie sich die Befruchtung woanders, geht dann völlig im Muttersein auf und euer Liebesleben ist Vergangenheit? Oder wenn er so in seinem Job oder Künstlersein drin ist, dass er darüber seine Frau und seine Kinder vernachlässigt? Oder wenn er/sie sagt, „Monogamie ist doch völlig überholt, ich brauche zu meiner Entfaltung freie Liebe“ und legt sich noch andere Partner zu?
Ist es wirklich Liebe, in all diesen Beispielen (und vielen anderen) den Partner ungebrochen einfach weiterzulieben und bei ihm zu bleiben? Oder wäre das nicht vielfach eher Abhängigkeit und Selbstaufgabe?
„Romantik“Nehmen wir mal das Beispiel mit dem Mann, der so in seinem Künstlersein aufgeht, dass er darüber jahrelang seine Familie vernachlässigt. Sagen wir mal, er ist Musiker. Er macht seiner Freundin, mit der er ein Baby hat, klar, dass er für seine berufliche und künstlerische Entfaltung viel Zeit und Raum braucht. Da sie ihn sehr liebt, akzeptiert sie es lange Zeit, dass er vor Ort die meisten Tage und Nächte mit Musikmachen verbringt und dass er viel auf Tournee ist (da er kein berühmter Musiker ist, kann er es sich nicht leisten, sie und das Kind mitzunehmen). Ab und zu ist er auch im gemeinsamen Zuhause, aber er ist halt Künstler, und Künstler darf man ja nicht verplanen, das stört die Kreativität; sie kann ihn also nie fest einplanen – sie muss ihren eigenen Weg mit ihren vielen einsamen Tagen und ihrem Kind finden. Was passiert im Lauf der Zeit mit ihrer Liebe? Sie stirbt, weil sie zu wenig genährt wird.
Außerdem, wie sieht diese Frau von außen betrachtet aus? Sie lässt ihm seine künstlerische Freiheit, hält ihm den Rücken frei, wuppt den Alltag und die Organisation mit Kind und gemeinsamem Haushalt fast allein, doch sie selbst mutiert dadurch zum Heimchen am Herd, das kleine Doofchen im Schatten des tollen Künstlers. Ist das noch Liebe? Oder was wäre, wenn sie auch für sich Selbstentfaltung beansprucht und sie dadurch ihm nicht mehr „die Freiheit lassen kann, die er benötigt, um so sein zu können, wie er sein will“ – müsste man ihr nach der o.g. Definition nicht die Fähigkeit zur Liebe absprechen?
Natürlich nicht. Denn echte Paarliebe sollte immer zur Hälfte aus Selbstliebe bestehen: Den anderen so zu lieben wie sich selbst, beinhaltet, sich selbst im gleichen Maße zu lieben wie den Partner. Und das bedeutet, dass man selbstbewusst für das einstehen muss, was einem selbst wichtig ist, grade dann, wenn der andere in bestimmten Phasen stark auf sich selbst und seine Selbstentfaltung schaut.
Übrigens halte ich es auch für Quatsch, am Partner alles zu akzeptieren, egal ob wir uns damit identifizieren können. Wir müssen nicht alles an ihm annehmen oder gar toll finden; es ist erlaubt, ja angezeigt, dass wir ihm sagen, was uns stört oder sogar abstößt. Wie sonst soll Entwicklung stattfinden, als Individuum und als Paar?
Und klar darf man vom Partner auch nicht „die ultimative Glückseligkeit“ erhoffen – aber wenn wir komplett selbst dafür verantwortlich wären, wie es der Verfasser des o.g. Zitats nahelegt, wieso sollten wir dann überhaupt eine feste Beziehung eingehen? Paarbeziehungen bedeuten immer eine gewisse Einschränkung unserer Freiheit und Selbstentfaltung, aber dafür bekommen wir ja auch etwas – und wir dürfen dafür auch etwas erwarten, wie Zusammenhalt, Verlässlichkeit, Geborgenheit, gegenseitige Unterstützung, Zärtlichkeit, Intimität, Halt, Trost. Und wir können mit unserem Partner zusammen Wege entwickeln, wie jeder von beiden trotzdem ein möglichst gutes Maß an Selbstentfaltung erhält.
© Beatrice Poschenrieder

One thought on “Liebe ist, dem anderen alle Freiheit zu lassen – wirklich?

  1. Wirklich toller Artikel! Vor allem finde ich, dass die Beispiele sehr anschaulich sind. Ich denke auch dass persönliche Freiheit innerhalb einer Beziehung immer auf Gegenseitigkeit beruhen sollte. Aber dafür ist es auch notwendig, dass beide in erster Linie versuchen den anderen glücklich zu machen, sprich füreinander leben und nicht einfach nur miteinander.

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