Schräge Dates: Ein ungeschliffener Diamant

Du triffst jemand, von dem du denkst: Hm, er/sie ist ein bisschen daneben, aber hat Potenzial… Tja, wie oft wird aus einem Frosch ein Prinz? Eher selten.

Wird dieser Frosch zum Prinz oder bleibt er ein Frosch?
Wird dieser Frosch zum Prinz oder bleibt er ein Frosch?

Vor ein paar Jahren war ich auf dieser Kontaktbörse OkCupid angemeldet, auf der sich reichlich Künstler, Kreative und Unkonventionelle befinden (ich würde sogar sagen, die Mehrzahl), und hatte einen merklichen Zuwachs an ungewöhnlichen Begegnungen und schrägen Dates. Heute berichte ich euch über ein Rendezvous, was also schon einige Zeit zurückliegt, aber mir immer noch sehr präsent ist.
Der Mann schrieb mich sehr nett und humorvoll an, auch sein Profil vermittelt diesen Eindruck. Auf seinen Fotos wirkt er unkonventionell, und zwar grade in dem Maß, das ich noch originell und sympathisch fand.
Er – nennen wir ihn „Ron“ – war über 50 und kam aus Australien; er hatte dort alles hinter sich gelassen und war seit 3 Monaten dabei, sich in Berlin ein neues Leben aufzubauen als Designer in einem Bereich, der bei uns noch recht neu war.
Da der August schön warm war, bot sich ein erstes Treffen im Freien an. Er schlug das Tempelhofer Feld vor. Ich schlug meinerseits vor, dass ich das Essen mitbrächte (Schawarma im Brot) und er etwas zu trinken und wir das Ganze dann genießen könnten mit Sonnenuntergang, den man vom Feld aus wunderbar beobachten kann. Er fand das eine super Idee. Im Nachhinein betrachtet, ist es eher eine blöde Idee, für das allererste Date etwas zu planen, was erstens superromantisch und zweitens von gutem Timing abhängig ist.
Ron kam als erstes schon mal eine Viertelstunde zu spät zu unserem Treffpunkt am S-Bahnhof Tempelhof. Ich stand da mit den noch warmen Schawarma-Wraps, aber er hatte keine Getränke und sah irgendwie… zerfleddert aus. Sein graues Haar stand in allen Himmelsrichtungen ab, das karierte Hemd war so zerknittert, als hätte es wochenlang zusammengeknautscht in einer Tasche gelegen (was vermutlich der Realität entsprach), die Jeans wies undefinierbare Flecken und Löcher auf, und dazu trug er Survivalboots, die offen standen, weil er die Schnürsenkel entfernt hatte. Komischerweise hatte er die Hosen zweimal gekrempelt, sodass zwischen Hose und Boots drei Zentimeter seiner dünnen, käseweißen Fesseln zu sehen waren. An einem dieser knackigen 20jährigen Hipster aus Kreuzberg/Neukölln hätte das alles vielleicht lustig ausgesehen – an Ron wirkte es nach gewollt-aber-nicht-gekonnt und etwas ungepflegt, zumal es einherging mit dunklen Zähnen, einem unförmigen 8-Tage-Bart und einer Sonnenbrille, die er über zwei Stunden lang nicht absetzte.
Sei´s drum, so etwas war für mich noch lang kein Abschusskriterium, ich erzähl es nur, um ein erstes Bild zu vermitteln. Die nette wohlwollende Person, die es in mir ja durchaus auch gibt, denkt sich bei so jemandem lächelnd: Hach, ein ungeschliffener Diamant… (Heute denke ich, dass das gekrempelte Stück der Hose vielleicht besonders garstige Flecken verbarg.)
Dass er keine Getränke dabei hatte, begründete Ron damit, dass es in Berlin ja an jeder Ecke „Spätis“ gebe (für Nichtberliner: Spätkauf-Lebensmittelläden, die 20 – 24 Stunden am Tag geöffnet haben) und wir jetzt noch schnell was holen könnten. Also marschierten wir den Tempelhofer Damm runter auf der Suche nach einem Laden, in dem wir ohne langes Suchen und Schlangestehen Wein und Wasser bekämen – wobei wir uns vom Feld immer weiter entfernten, weil die zwei drei Shops, die wir fanden, alle keinen Alkohol führten.
Schließlich kauften wir nur Wasser und latschten die (gefühlt) 3 km zum Tempelhofer Feld zurück und suchten uns ein Plätzchen zum Hinsetzen. Die Sonne war längst untergegangen, immerhin gab´s noch ein wenig Abendrot.
Wir machten wir uns über meine mittlerweile kalten Schawarma-Wraps her. Wer diese arabische Spezialität kennt, wird wissen, dass ein gutes Schawarma im Fladenbrot eine sehr saftige Angelegenheit ist. Mit beiden Händen umfasst man das dicke Paket und lässt sie da am besten auch bis zum Ende des Essvorganges, weil die dünne Serviette, die beiliegt, in der Regel einfach nicht ausreicht, um mehrfach die Soße von den Fingern zu wischen. Ron allerdings ließ die Serviette eh links liegen, sondern leckte sich nach jedem einzelnen Bissen alle zehn Finger ab. Nein, er leckte nicht, er lutschte. Wrap in die linke Hand, dann die Finger der rechten Hand nacheinander bis übers erste Gelenk in den Mund gesteckt und abgelutscht; dann Handwechsel, um die Soße restlos von den anderen fünf Fingern zu kriegen, dann wieder beide Hände an den Wrap, abbeißen, eine Hand zum Mund usw.. Und dies in einer Geschwindigkeit, dass klar wurde: Da ist Routine drin.
Auch am Ende verwendete er die Serviette nicht: er schlabberte einfach beiderseits die halbe Hand ab.
Also mal ehrlich: ein bisschen eklig ist das schon. Der Gedanke, ihm irgendwie näher zu kommen (was ja eigentlich Sinn und Zweck eines Dates ist), hatte sich fürs Erste erledigt. Allerdings brachte ich es auch nicht fertig, wegen Lappalien wie „Getränke vergessen“ und „Extreme-Finger-Licking“ das Treffen zu beenden, sondern bejahte seinen Vorschlag, auf der anderen Seite des Feldes in Neukölln eine nette Kneipe zu suchen und endlich den Wein zu trinken, den wir noch nicht bekommen hatten.
Unterwegs fiel mir auf, dass es längst dunkel war und er die Sonnenbrille immer noch trug. Erst als ich sagte, ich würde jetzt doch gern mal seine Augen sehen, nahm er sie ab. Er hatte recht schöne Augen, wodurch ich meine heimlichen Fluchtgedanken verwarf.

Wir tranken also in einer Kneipe Wein, ich ein Glas, er zwei, was ihn offenbar wagemutig machte, denn kaum traten wir den Weg zur U-Bahn an, sprang er hurtig vor mich, fasste mich an den Armen und wollte mich küssen – und zwar so richtig, Mund zu Mund mit halbgeöffneten Lippen. Ich wich aus und lächelte: „Ich gehöre zur langsameren Sorte, ich möchte nicht beim ersten Date küssen!“
Das war gelogen, denn ich hatte durchaus schon erste Dates mit Küssereien gehabt, aber dann hatte sich das zwischen dem Mann und mir aufgebaut, durch ein gegenseitiges Auffangen und Beantworten von Flirtsignalen und kleinen Berührungen. Derlei hatte es zwischen Ron und mir nicht annähernd gegeben, um so eine Frontalattacke zu rechtfertigen.

Ich sagte ja schon oben: Es ist eine blöde Idee, für das allererste Treffen etwas zu planen, was superromantisch ist. Denn was, wenn dein Date das missinterpretiert, bei dir hingegen null romantische Gefühle aufkommen?

Da es nun keinen Kuss gab, wollte Ron wenigstens Hand in Hand mit mir zum U-Bahnhof gehen, und ich ließ sie ihm, weil ich ihm nicht schon wieder eins vor den Bug geben sollte (zu dem Zeitpunkt war ich immer noch desöfteren ein gutmütiges Schaf), obwohl es mich ein wenig schauderte, wenn ich an all die getrocknete Spucke an seinen Fingern dachte. Auf dem Bahnsteig würden sich eh unsere Wege trennen. Allerdings dort angekommen, setzte er zu einem letzten verzweifelten Vorstoß an: Noch ein Kussversuch. Höflich lächelnd wies ich ihn auf meine vorige Aussage hin. Zeitgleich fuhr meine Bahn ein. Da sagte er: „Übrigens, was ich die ganze Zeit schon machen wollte…“ und riss an meinem Dutt. Oh Man. Statt zu fragen, „kannst du vielleicht deinen Knoten lösen, ich würde gern dein offenes Haar sehen“, zerrte er grob an meiner Duttklammer (das ist so ein großes Ding, was von außen den Dutt umfasst) und riss mir dabei etliche Haare aus. So ein VOLLDEPP!!
Wie schon bei dem anderen aufdringlichen Küsser, rettete mich auch diesmal die gute Berliner U-Bahn.

Fazit: Wenn du glaubst, du hast einen ungeschliffenen Diamanten vor dir, stellt sich oft heraus, dass es gar keinen Diamanten gibt, sondern nur Ungeschliffenes.
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© Beatrice Poschenrieder